FRÜHLINGSTAGUNG 02 / 2026 KINDERÄRZTE. SCHWEIZ 54 Ärzt:innen & MPA Referat 4: Allergologie Spezifische Immuntherapie bei Pollenallergien – Evidenz und Praxis Obwohl es schon später Abend war, wurden wir von Tina Eggmann mit einem State-of-the-Art-Vortrag zum Thema Immuntherapie verwöhnt. Sie zeigte alle Themen der sublingualen (SLIT) und subkutanen (SCIT) Desensibilisierung auf: Diagnosestellung, Therapieformen, Organisation und detaillierte Information zur Durchführung. Die Diagnose der Pollenallergie kann schon bei kleinen Kindern gestellt werden. Dazu gehören die passende Anamnese und das Führen eines Beschwerdekalenders, mit Berücksichtigung der nicht kreuzreaktiven Arten wie zum Beispiel der Esche (Bäume). Ausschluss einer perennialen Ursache wie Haustiere, allergene Pflanzen wie Gummibaum/Ficus oder Hausstaubmilben. Bestätigung erfolgt mittels spezifischem IgE (sIgE) und ggf. Komponentendiagnostik (Majorallergene, z. B. Birke Bet v 1). Bei passender Anamnese und Diagnostik dann Desensibilisierung beginnen. Erle/Hasel sind kreuzreaktiv mit Birke – sowohl diagnostisch wie therapeutisch – bei suggestiver Anamnese Esche separat bestimmen, da nicht kreuzreaktiv, und allenfalls auch nasale Provokationstestung. Bei Beschwerden über den Sommer bei nicht passender Diagnostik bezüglich Gräsern auch an Schimmelpilz Alternaria denken. Die Therapie hat 3 Pfeiler: Karenz, symptomatisch, kausal – also Immuntherapie (AIT)! Grundprinzip: Früher ist besser und effektiver! Der Erfolg liegt durchschnittlich bei ca. 60–70% (jedes Therapiejahr ergibt eine Verbesserung der Symptome um ca. 20% und mehr) und die Therapie ist bei korrekter Durchführung und Ausstattung grundsätzlich sicher. Das Verhindern der Entwicklung eines allergischen Asthmas kann bei der Risikogruppe Ziel sein. Zulassung der Produkte ab dem Alter von 5–6 Jahren. Wichtig ist die Info über die Nebenwirkungen (NW): Für SLIT (sublingual) vorwiegend Juckreiz und Schwellung lokal im Bereich der Mundschleimhaut; eine SCIT (subkutan) kann zu lokalen wie auch systemischen allergischen Reaktionen führen. Daher SCIT immer mit mind. 30 min Überwachung in der Praxis, SLIT nur zu Beginn mit regelmässigen Kontrollen, um die Adherence hochzuhalten. Die lokalen NW können allenfalls mittels vorgängiger Gabe eines Antihistaminikums gemindert werden. Familien lassen sich eher für das präsaisonale (SCIT) und prä-/co-saisonale (SLIT) Behandlungsschema motivieren. Es gibt aber auch perenniale Schemata (Zulassungen der Präparate beachten, bei Asthma perenniale Schemata diskutieren). Alle werden über mind. 3 Jahre durchgeführt. Bei klinisch relevanter Eschensensibilisierung muss in der CH mit SLIT als Formula magistralis in einer Spezialapotheke oder SCIT (Kostengutsprache nötig) gearbeitet werden. Die Indikation muss den WZW-Kriterien entsprechen: Leidensdruck, passende Klinik, nachgewiesene Sensibilisierung sowie Einhalten der Alters- und Dosierungslimiten. Kontraindikationen beachten: schweres, unkontrolliertes Asthma (FEV1 < 70%), chronische Begleiterkrankungen und Medikamente wie Betablocker, ACE-Hemmer. Nicht empfohlen: Neubeginn in Schwangerschaft, bei schweren psychischen Erkrankungen sowie erwarteter tiefer Compliance, oralen Entzündungen (bei SLIT). Allenfalls mit Kinderallergolog:in besprechen. Organisation ist wichtig; dies gilt neben korrekter Diagnosestellung insbesondere für die Bestellung zur richtigen Zeit, richtiges Allergen und Menge, korrekte Lagerung im Kühlschrank, Sicherstellen einer korrekten Vorbereitung der Lösung im Vier-Augen-Prinzip, Patientenaufklärung: Ausfüllen einer Einverständniserklärung mit Besprechung der möglichen NW. Zeit und Ort der Gabe und Überwachung bestimmen. Nicht zuletzt auch korrekte Verrechnung. Im TARDOC ist die Überwachungszeit bereits in der Desensibilisierungsziffer inkludiert. Durchführung: Es gilt immer das Vier-Augen-Prinzip, damit es nicht zu Verwechslung oder falscher Dosierung kommt. Vor SCIT immer Notfallmedikamente bereitstellen. Vorher fragen, ob Patient aktuell krank ist, Atemnot hat und wie Reaktion auf letzte Dosis war – dann ggf. pausieren, Dosierung anpassen oder SCIT stoppen. Gabe von SCIT immer s.c. im distalen Oberarm, Streckseite; stets mit Aspiration, damit keine intravenöse Gabe erfolgt (dies könnte eine Anaphylaxie auslösen) – Gabe durch den Arzt/die Ärztin oder mit ärztlicher Aufsicht erlaubt. Überwachung in der Praxis unter Aufsicht. Dosierung und Zeiten (Gabe und Überwachung) sowie ggf. Vitalparameter dokumentieren. Bei lokaler Reaktion kühlen oder je nach Befund auch Antihistaminikum systemisch geben (allenfalls auch 30–60 min vor nächster Gabe). Am Tag der SCIT keinen Sport, kein heisses Bad. Patient:in informieren, dass er/sie sich bei Symptomen melden muss. Bei SLIT gute Erstinstruktion mit Info über NW. Insbesondere kein Essen 5 Minuten vor und 5 Minuten nach Gabe. Bei Juckreiz lokal Eiswürfel nach 5 min; falls Bauchschmerzen, dann 5 min vor dem Essen geben. Bei Schluckbeschwerden (zeitlich unabhängig von der Tabletteneinnahme) immer an eosinophile Ösophagitis denken. Danke für die ausführliche und didaktisch gut eingeteilte Präsentation. ■ REFERENTIN: DR. MED. TINA EGGMANN-TRACHSEL FACHÄRZTIN FÜR KINDER- UND JUGENDMEDIZIN, FACHÄRZTIN FÜR ALLERGOLOGIE UND KLINISCHE IMMUNOLOGIE, YOUKIDOC KINDERGESUNDHEIT, BASEL AUTOR: DR. MED. RAFFAEL GUGGENHEIM FACHARZT FÜR KINDER- UND JUGENDMEDIZIN, MITGLIED REDAKTIONSKOMMISSION, ZÜRICH Korrespondenzadresse: dokter@bluewin.ch
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