KINDERÄRZTE.SCHWEIZ 2/2026

BEZIEHUNG – ERZIEHUNG 02 / 2026 KINDERÄRZTE. SCHWEIZ 48 DR. MED. CYRIL LÜDIN FACHARZT FÜR KINDER- UND JUGENDMEDIZIN, SPRECHSTUNDE FÜR REGULATIONSSTÖRUNGEN, EHRENMITGLIED KIS UND REDAKTIONSKOMMISSION, MUTTENZ Korrespondenzadresse: cyril@luedin.eu eltern-kind-bindung.net Bindung bildet eine zentrale Grundlage kindlicher Entwicklung und bleibt zugleich veränderbar. Der zweite Beitrag unserer Rubrik Beziehung – Erziehung beleuchtet die Bedeutung feinfühliger Interaktion, das Konzept des «Willkommen Seins», mit Augenkontakt, sowie die dynamische Balance zwischen Nähe und Exploration. Im Fokus steht die praktische Relevanz für den Alltag: Entscheidend für sichere Bindung ist nicht Perfektion, sondern die Fähigkeit, Beziehung aktiv zu gestalten und Brüche zu reparieren. Beziehung und Bindung im Alltag: Bindung als Grundlage menschlicher Entwicklung gegenüber Reizen, andere suchen aktiv Kontakt oder benötigen mehr Zeit, um sich an Neues zu gewöhnen. Eine gelingende Bindungsbeziehung berücksichtigt diese individuellen Unterschiede und passt sich ihnen an. In einer solchen Beziehung entwickelt das Kind nicht nur Vertrauen in andere, sondern auch ein Gefühl für sich selbst. Es lernt, innere Zustände wahrzunehmen und zu regulieren. «Willkommen sein» als Grundhaltung Der Ansatz des «Willkommen Seins», wie ihn Ray Castellino, ein Forscher und Lehrer auf dem Gebiet der prä- und perinatalen Psychologie, beschreibt, betont eine grundlegende Haltung in der Beziehungsgestaltung: Jeder Mensch ist in seinem So-Sein angenommen, darf gesehen und gehört werden und seine Gefühle ausdrücken. Dieses Gefühl des Angenommenseins bildet eine zentrale Grundlage für Offenheit und Kooperationsbereitschaft. Kinder, die sich willkommen fühlen, wenden sich der Welt zu und treten in Beziehung. Umgekehrt können wiederholt negative Erfahrungen zu Rückzug und Misstrauen führen. Das Erleben von Sicherheit unterstützt zudem die Entwicklung der Selbstwahrnehmung. Kinder lernen in sicheren Beziehungen, sich selbst zu spüren und ihre Erfahrungen zu integrieren. Der sichere Hafen und die Dynamik von Bindung Bindung lässt sich als dynamischer Prozess zwischen Nähe, Autonomie und Exploration verstehen. Bezugspersonen fungieren als «sicherer Hafen», von dem aus das Kind die Welt erkundet und zu dem es bei Bedarf zurückkehren kann. Diese Bewegung verläuft rhythmisch: Phasen der Zuwendung zur Umwelt wechseln sich mit Momenten der Rückversicherung und Selbstregulation ab. Wird diese Dynamik durch Unsicherheit oder Stress gestört, kann die Exploration eingeschränkt sein. Manche Kinder ziehen sich früh zurück, andere orientieren sich übermässig nach aussen und verlieren den inneren Bezug. Beziehungsfähigkeit ist eine zentrale Kompetenz des Menschen. Als soziale Wesen sind wir von Beginn an auf Resonanz und Verbundenheit angewiesen. Bindungserfahrungen prägen die Entwicklung eines Kindes nachhaltig – sie sind jedoch nicht unveränderlich. Forschung zeigt, dass sich Bindungsmuster im Verlauf der Entwicklung durch neue Beziehungserfahrungen wandeln können. Es ist daher nie zu spät für korrigierende und stärkende Erfahrungen. Auch gelingende Beziehungen zu Verwandten, Lehrer:innen, Erzieher:innen können eine wichtige Erfahrung der Verbundenheit für ein heranwachsendes Kind bieten, nicht als Ersatz einer primären Bindungsperson, aber als Kraftspender für seine Entwicklung. Sichere Bindung und Feinfühligkeit Sichere Bindung entsteht dort, wo liebevolle Bezugspersonen die Signale des Kindes wahrnehmen, richtig interpretieren und angemessen darauf reagieren. Diese Feinfühligkeit ermöglicht dem Kind, sich verstanden und wirksam zu erleben. Kinder bringen von Anfang an unterschiedliche Eigenschaften (siehe mein Beitrag in KIS NEWS Nr. 1/2026) und Bedürfnisse mit. Manche sind besonders sensibel Fotos: Cyril Lüdin

RkJQdWJsaXNoZXIy MjYwNzMx