KINDERÄRZTE.SCHWEIZ 2/2026

02 / 2026 FORTBILDUNG: THEMENHEFTTEIL KINDERÄRZTE. SCHWEIZ 43 Im Sinne der Partizipation des Kindes können in Einzelfällen auch gezielte, vorsichtig dosierte Überschreitungen der Belastungsgrenzen sinnvoll sein, sofern anschliessend ausreichend Erholungszeit eingeplant wird (z. B. bei einem lange geplanten Kindergeburtstag). Gerade im Kindesalter spielt das Umfeld eine zentrale Rolle für die erfolgreiche Umsetzung des Pacing. So können beispielsweise Freund:innen das Kind unterstützen, indem sie – idealerweise auf Initiative des Kindes – vorab über individuelle Grenzen informiert werden und beim rechtzeitigen Beenden von Aktivitäten mithelfen. Auch hier zeigt sich, welche Entwicklungsleistung Pacing vom Kind verlangt und wie wichtig eine gute Begleitung durch das Kind und sein Umfeld ist. Altersdifferenzierung und interprofessionelle Zusammenarbeit Die Umsetzung von Pacing erfordert eine altersgerechte Anpassung: Bei jüngeren Kindern erfolgt die Steuerung primär über die Eltern, während ältere Kinder und Jugendliche zunehmend Verantwortung für die eigene Belastungsregulation übernehmen. Eine erfolgreiche Umsetzung ist nur interprofessionell möglich. Ergotherapie übernimmt häufig eine zentrale Rolle in Energiemanagement und Alltagsstrukturierung, ergänzt durch angepasste Bewegung (Physiotherapie), psychologische Unterstützung sowie die medizinische Begleitung und Koordination durch Kinderärzt:innen. Case Management oder Gesundheitslots:innen können zusätzlich zur Systemkoordination und Entlastung der Familie beitragen. Fazit Pacing ist bei Kindern und Jugendlichen mit PAIS und PEM die Grundlage der Behandlung. Ziel ist es, Überlastung zu vermeiden, Stabilität zu fördern und eine nachhaltige Teilhabe im Alltag, in Schule und sozialem Leben zu ermöglichen. Im Einklang mit aktuellen Leitlinien steht nicht die Leistungssteigerung, sondern die Anpassung der Aktivität an die individuelle Belastbarkeit im Vordergrund. Unspezifische Trainingsprogramme ohne Berücksichtigung der Belastungsintoleranz sollten vermieden werden. Pacing sollte aber nicht als reine Schonung verstanden werden, sondern als stabilisierender Rahmen, in dem Kinder und Jugendliche schrittweise wieder Vertrauen in den eigenen Körper, Freude an Aktivität und positive Erwartungssicherheit entwickeln können. Kinderärzt:innen nehmen eine zentrale Rolle ein: Sie erkennen PEM als Leitsymptom, stellen die Diagnose, schliessen Differentialdiagnosen aus und koordinieren die Versorgung sowie die Umsetzung im Alltag. Die praktische Umsetzung erfolgt interprofessionell und systemisch mit einem bio-psycho-sozialen Verständnis, häufig mit zentraler Beteiligung der Ergotherapie sowie ergänzend durch Physiotherapie, Pflege, spezialisierte Dienste und schulische Fachpersonen. Neben der Familie können und sollten auch die Freunde des Kindes Teil der Pacingstrategie sein. Entscheidend ist eine konsistente, abgestimmte Haltung aller Beteiligten. So kann Pacing dazu beitragen, Rückfälle zu vermeiden, Chronifizierung zu reduzieren und eine schrittweise Rückkehr zu Teilhabe und Entwicklung zu ermöglichen. ■ Alter (grobe Richtwerte) Schwerpunkt < 8 Jahre Elternsteuerung, Beobachtung, klare Rituale 8–12 Jahre Mitentscheidung, einfache Selbstwahrnehmung > 12 Jahre Eigenverantwortung, Grenzwahrnehmung trainieren Häufige Fehler ■ zu schnelle Belastungssteigerung ■ inkonsistente Empfehlungen ■ Nichterkennen von PEM ■ Fokus auf Motivation oder Leistung (statt Sensibilisierung und Stabilisierung) ■ fehlende Einbindung von Kind, Familie und Umfeld (Verständnis und Partizipation) ■ Nichtbehandeln negativer Ängste mit fehlendem angeleitem Ausbau an Aktivitäten und damit Verstärkung der Chronifizierung Bild von Andrea Landolt, Tafelwart.ch Foto: Irmela Heinrichs

RkJQdWJsaXNoZXIy MjYwNzMx