KINDERÄRZTE.SCHWEIZ 2/2026

FORTBILDUNG: THEMENHEFTTEIL 02 / 2026 KINDERÄRZTE. SCHWEIZ 42 Dabei gilt das Prinzip der Mikroschritte: ■ Steigerung um ca. 5–10% ■ jeweils nur eine Variable gleichzeitig verändern ■ nach jeder Anpassung erneute Stabilisierung Die praktische Umsetzung folgt einem einfachen Zyklus: 1. Ausprobieren 2. Erfolg stabilisieren 3. Erfolg langfristig sichern Wichtig ist ein konsequentes Vorgehen: Bei einer echten Überlastung mit PEM erfolgt die Rückkehr auf das zuletzt stabile Niveau. Gleichzeitig ist darauf zu achten, dass der Schutz vor PEM nicht in eine Generalisierung von Gefahr mündet. Eine therapeutisch begleitete, vorsichtig positive Neubewertung von Körperempfindungen, Aktivität und Belastung kann helfen, Angst vor Rückfällen zu reduzieren und negative Symptomkreisläufe zu entlernen (neuroplastischer Ansatz, z. B. mit somatic tracking). 4. Pacing in zentralen Lebensbereichen 4.1 Schule Die Schule stellt häufig den grössten Belastungsfaktor dar, ist aber zugleich zentral für Entwicklung und soziale Teilhabe. Eine enge Zusammenarbeit mit der Schule ist daher essenziell. Bewährt haben sich individuelle Stufenpläne, verkürzte Unterrichtszeiten, Ruheinseln und flexible Leistungsanpassungen. Dies betrifft nicht nur Prüfungen: Häufig sind auch reduzierte oder ausgesetzte Hausaufgaben, priorisierte Inhalte oder zusätzliche Pausen sinnvoll. Wichtig ist, dass neben kognitiven Anforderungen auch soziale Kontakte und positive Erfahrungen berücksichtigt werden. Schulische Anpassungen sind als medizinisch indizierte Massnahmen zu verstehen. Die Anforderungen des Schulalltags entsprechen oft nicht der aktuellen Belastbarkeit des Kindes und müssen individuell angepasst werden. Empfehlungen: ■ individueller, flexibler Stundenplan ■ Einstieg über Kernfächer oder soziale Kontakte ■ feste Ruheinseln im Schulalltag ■ verkürzte Unterrichtszeiten ■ Mikropausen ■ praktische Unterstützung (z. B. Liftpass, zweiter Büchersatz, Auszeitkarte) ■ kein Nachholen verpasster Inhalte in Überlastungsphasen ■ verlängerte Zeit für Prüfungen ■ enge Abstimmung mit Schule und Schulpsychologie ■ frühzeitige und proaktive Kommunikation mit allen Beteiligten Zentral ist eine ausgewogene Gewichtung: Neben kognitiven Anforderungen sollten auch soziale und bewegungsbezogene Elemente berücksichtigt werden. Wichtig: Schuladaptation und Energiemanagement sind medizinisch indizierte Massnahmen. 4.2 Familie Eltern spielen eine zentrale Rolle bei der Umsetzung des Pacing. Sie begleiten das Kind im Alltag, strukturieren den Tagesablauf und unterstützen die Umsetzung der Empfehlungen. Da viele Interventionen für das Kind selbst anstrengend sein können, erfolgt die Anleitung häufig über die Eltern. Kernaspekte: ■ Erkennen und Reduzieren elterlicher Überforderung ■ klare und verlässliche Tagesstruktur ■ Organisation von Entlastung ■ konsistente Kommunikation (keine widersprüchlichen Erwartungen) ■ Unterstützung beim Abbau von Angst vor Aktivität Wichtig: Die elterliche Rolle ist in allen Phasen zentral für den Behandlungserfolg. 4.3 Freizeit Freizeitaktivitäten sind wichtig für Lebensqualität und Motivation, können jedoch ebenfalls eine relevante Belastungsquelle darstellen. Sie sollten daher bewusst geplant und angepasst werden. Typische Belastungsfaktoren: ■ Geburtstage und soziale Ereignisse ■ Bildschirmüberreizung ■ intensive soziale Interaktion ■ sportliche Aktivitäten Empfehlungen: ■ kurze, klar geplante Aktivitäten ■ ausreichende Erholungsphasen im Anschluss ■ Vermeidung spontaner «Überraschungsbelastungen» ■ Auswahl von Aktivitäten, die dem Kind Freude bereiten Zusammenfassend wird deutlich, dass Freizeit aktiv gestaltet und begleitet werden muss. Obwohl sie grundsätzlich eine Ressource darstellt, kann sie auch zu Überlastung führen. Kurze, geplante Aktivitäten mit ausreichenden Erholungsphasen haben sich bewährt. Ziel ist es, «Lebensqualitätsinseln» zu schaffen, die Freude ermöglichen, ohne die Stabilität zu gefährden.

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