KINDERÄRZTE.SCHWEIZ 2/2026

02 / 2026 FORTBILDUNG: THEMENHEFTTEIL KINDERÄRZTE. SCHWEIZ 41 Phase 1: Analyse und Bewusstmachung Zu Beginn steht die gemeinsame Analyse der aktuellen Situation. Kinder, Jugendliche und Eltern sollen ein Verständnis dafür entwickeln, wie Belastung und Symptome zusammenhängen – insbesondere im Hinblick auf die zeitverzögerte Post-Exertional Malaise (PEM). Ziele: ■ Psychoedukation (inkl. Mind Body-Ansatz) ■ Erkennen individueller Belastungsmuster ■ Verständnis von PEM-Zusammenhängen ■ Identifikation relevanter Belastungsquellen Instrumente: ■ Aktivitätstagebuch ■ Symptomprotokoll (inkl. Verlauf über 24– 72 Stunden) ■ COPM (Canadian Occupational Performance Measure) bzw. kindgerechte Zielklärung ■ Schulbeobachtung ■ Elterninterview Gerade bei jüngeren Kindern übernehmen die Eltern eine zentrale Rolle in der Beobachtung und Dokumentation. Entscheidend ist, dass Zusammenhänge sichtbar werden – häufig erst mit zeitlicher Verzögerung. Neben der Vermeidung realer Überlastung ist aber auch die Behandlung der Angst vor PEM zentral. Pacing darf nicht zu einer dauerhaften Vermeidungsstrategie werden, sondern soll Sicherheit schaffen, damit positive Aktivitäts- und Selbstwirksamkeitserfahrungen wieder möglich werden. Phase 2: Stabilisierung eines Basisniveaus Auf Grundlage der Analyse wird ein individuelles Basisniveau definiert. Dieses beschreibt einen Tages- und Wochenrhythmus, der ohne Symptomverschlechterung eingehalten werden kann. Definition Basisniveau: Ein Aktivitätsniveau, das stabil durchführbar ist, ohne dass es zu PEM oder einer Verschlechterung der Gesamtsituation kommt. Kriterien: ■ keine Zunahme der Fatigue ■ kein Auftreten von PEM ■ stabile Schlafqualität ■ keine Zunahme vegetativer Symptome (z. B. Tachykardie, Schwindel, Übelkeit, TemperaturDysregulation) Dieses Niveau sollte über mindestens eine Woche stabil gehalten werden, bevor Anpassungen erfolgen. Nach 1–2 Wochen Stabilität wird die Aktivität in kleinen Schritten (5–10%) gesteigert, jeweils nur eine Variable. Jede Anpassung erfordert eine erneute Stabilisierung. Bei Verschlechterung gilt: zurück zum letzten stabilen Niveau. Umsetzung im Alltag: ■ klare Tagesstruktur ■ feste, geplante Ruhezeiten ■ Reduktion von Reizen ■ Priorisierung wesentlicher Aktivitäten ■ Visualisierung der Energieverteilung (z. B. «Batterie-Modell») ■ konsequente Reduktion externer Leistungsanforderungen ■ Einüben von weniger anstrengenden Strategien zur Alltagsbewältigung Zentral ist die Erfahrung von Stabilität – erst sie schafft die Grundlage für jede weitere Entwicklung. Phase 3: Schutz vor «push-and-crash» Ein wesentlicher Bestandteil des Pacing ist die aktive Vermeidung von Überlastungssituationen. Die sogenannte «push-and-crash»-Dynamik stellt ein häufiges Risiko dar, insbesondere bei motivierten Kindern und engagierten Familien. Typische Risikofaktoren: ■ schulischer Leistungsdruck ■ elterliche Überforderung oder Übervorsicht (kein stabiles Basisniveau, fehlende Wahrnehmung von Grenzen) ■ emotionale Belastungen (z. B. Prüfungen, soziale Ereignisse) ■ hohe Eigenmotivation des Kindes ■ neurodivergente Besonderheiten (z. B. ADHS, Autismus) Um dies zu verhindern, ist eine enge interprofessionelle Abstimmung unabdingbar. Wichtig: ■ einheitliche Botschaften aller Beteiligten ■ keine isolierten Belastungssteigerungen (z. B. nur in einer Therapieform) ■ keine «Testbelastungen» zur Leistungsüberprüfung Ziel ist ein konsistentes Vorgehen, das Sicherheit vermittelt und Rückschläge vermeidet. Phase 4: Vorsichtige Aufdosierung Erst wenn über mindestens 1–2 Wochen ein stabiles Niveau erreicht wurde, kann eine vorsichtige Erweiterung der Aktivität erfolgen.

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