FORTBILDUNG: THEMENHEFTTEIL 02 / 2026 KINDERÄRZTE. SCHWEIZ 38 Thema Inhalt Aufbau eines Krankheitsverständnisses Zu Beginn wird die Familie umfassend über das Krankheitsbild Long COVID aufgeklärt. Insbesondere das Konzept der Belastungsintoleranz und der post-exertionellen Malaise wird vermittelt. Dies führt zu einer spürbaren Entlastung, da die Beschwerden erstmals eingeordnet und legitimiert werden können. Gleichzeitig werden Schuldgefühle reduziert und unrealistische Erwartungen an eine rasche Genesung angepasst. Einführung von Pacing im Alltag Ein zentraler Bestandteil der Betreuung ist die schrittweise Einführung des Pacing-Konzepts. Gemeinsam mit der Familie werden Aktivitäten strukturiert geplant und priorisiert. Ziel ist es, Überlastung zu vermeiden und die vorhandene Energie stabil zu nutzen. Konkret bedeutet dies beispielsweise: ■ stark reduzierte und klar strukturierte Tagesabläufe ■ kurze, geplante Aktivitätsphasen mit ausreichenden Erholungszeiten ■ bewusste Begrenzung kognitiver und körperlicher Belastung Symptomorientierte Unterstützung Ergänzend werden Strategien zur Linderung der Beschwerden eingeführt. Dazu gehören unter anderem: ■ Ruhe- und Rückzugsstrategien bei Reizüberflutung ■ Unterstützung bei Schlafstruktur und Tagesrhythmus ■ einfache Entspannungs- und Atemübungen Diese Massnahmen tragen dazu bei, die Selbstwahrnehmung zu fördern und einen aktiveren Umgang mit Symptomen zu ermöglichen. Die Pflegefachperson der Kinderspitex kann auch diagnostische Interventionen übernehmen, wenn ein Besuch in der fachärztlichen Praxis nicht möglich ist, weiter wird ein enger Austausch mit dem Facharzt / der Fachärztin wie auch weiteren Fachpersonen etabliert. Schulische Anpassungen und Teilhabe Ein besonders sensibler Bereich stellt die schulische Situation dar. In enger Abstimmung mit der Schule, namentlich der zuständigen Klassenlehrperson, der Schulleitung, der Erziehungsberatung resp. dem Schulpsychologischen Dienst und dem Schulinspektorat werden individuelle Lösungen erarbeitet, die sich an einer aktuellen Belastbarkeit orientierten. Dazu zählen: ■ domizilbasierte kurze Unterrichtseinheiten durch z.B. eine IF-Lehrperson ■ Integration der schulischen Leistungsteile in die Pacingplanung ■ phasenweise häusliches Lernen ■ Edukation zur Erkrankung und zum Verlauf von allen schulischen Fachpersonen Durch diese Anpassungen kann der Druck reduziert und gleichzeitig eine minimale schulische Anbindung aufrechterhalten werden. Koordination und Systemarbeit Die Pflegefachperson der Kinderspitex übernimmt eine zentrale Rolle in der Koordination zwischen Familie, Schule und medizinischen Fachpersonen. Insbesondere im Kontext des zuvor geäusserten Verdachts Schulabsentismus ist diese Funktion entscheidend. Durch eine differenzierte Einschätzung der Symptomatik kann aufgezeigt werden, dass Fehlzeiten krankheitsbedingt sind. Dies trägt wesentlich zur Entlastung der Familie bei und verhindert potenziell unangemessene Massnahmen. Weiter wird dadurch ein gemeinsames Krankheitsverständnis erwirkt und damit auch die Massnahmen gemeinsam ausgerichtet. Weiter können sie ein wichtiges Bindeglied auch in der praxispädiatrischen Versorgung darstellen, insbesondere bei Betroffenen mit niedriger Belastungstoleranz. Psychosoziale Stabilisierung der Familie Neben der direkten Arbeit mit betroffenem Kind/Jugendlichen steht auch die Unterstützung der Eltern im Fokus. Durch regelmässige Gespräche, Validierung ihrer Wahrnehmung und konkrete Handlungsempfehlungen können die familiäre Situation und die Funktionalität stabilisiert werden. Die Eltern gewinnen Sicherheit im Umgang mit der Erkrankung und können mehr Struktur in den Alltag bringen. Tabelle 1: Konkrete Massnahmen bei Kindern mit Long COVID Mit dem Einbezug der Kinderspitex konnte erstmals eine Betreuung etabliert werden, die sich konsequent an Leons individueller Belastbarkeit orientierte. Im Zentrum der konkreten Umsetzung standen dabei mehrere ineinandergreifende Massnahmen (Tabelle 1).
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