FORTBILDUNG: THEMENHEFTTEIL 02 / 2026 KINDERÄRZTE. SCHWEIZ 36 DR. ANNA-BARBARA SCHLÜER, PhD eMBA UZH, MScN PFLEGEEXPERTIN APN, KINDERSPITEX BERN Korrespondenzadresse: anna-barbara.schlueer@ spitex-bern.ch Long COVID bei Kindern Pflege und Integrierte Versorgung durch Pflegefachpersonen der Kinderspitex im Lebensumfeld des betroffenen Kindes Hinweise auf eine organische Erkrankung. Die Diagnose lautet: Viraler Infekt. Es wird zur Schonung geraten. Aus einzelnen Tagen werden Wochen. Leon besucht die Schule nur noch unregelmässig, manchmal für wenige Stunden am Vormittag. Doch bereits am Nachmittag ist er so erschöpft, dass er über starke Schmerzen klagt und stundenlang schläft. Die Erholungsphasen werden länger, die aktiven Phasen kürzer. Die Schulabsenzen nehmen deutlich zu. Weitere Abklärungen werden eingeleitet, bleiben jedoch zunächst ohne richtungsweisenden Befund. Parallel dazu wird erstmals der Verdacht auf Schulabsenz geäussert. Für die Familie beginnt eine belastende Phase: Sie erlebt zunehmend Unverständnis aus dem Umfeld. Aus einer zuvor gut vernetzten Familie im Dorf wird eine Familie im Rückzug. Zweifel kommen auf – auch bei den Eltern selbst: Wird Leon vielleicht missverstanden? Oder übersehen sie etwas? Auch weiterführende Abklärungen im Kinderspital bringen zunächst keine Klarheit. Erst nach etwa vier Monaten, zu einem Zeitpunkt, an dem Leon bereits weitgehend sozial isoliert ist, wird die Verdachtsdiagnose Long COVID gestellt. Für die Familie ist dies ein ambivalenter Moment. Einerseits bedeutet die Diagnose eine Erleichterung: Die Beschwerden haben einen Namen. Andererseits entstehen neue Ängste. Es gibt kaum verlässliche Aussagen zur Dauer, zur Prognose oder zu wirksamen Therapien. Gleichzeitig verschärft sich der Druck von aussen: Aufgrund der anhaltenden Schulabsenzen wird eine Gefährdungsmeldung in Aussicht gestellt. Fallbeispiel (fiktiv): Leon, 12 Jahre Leon ist heute 12 Jahre alt. Als seine Geschichte beginnt, ist er 10 Jahre alt. Er gilt als lebhafter Junge, manchmal etwas impulsiv, aber interessiert, sozial eingebunden und ein guter Schüler. Er geht gerne zur Schule, spielt Fussball im lokalen Verein und ist oft mit dem Skateboard im Dorf unterwegs. Sein Alltag ist aktiv und unbeschwert. Im Frühling erkrankt Leon für einige Tage. Die Symptome sind zunächst unspezifisch: Schnupfen, Gliederschmerzen, leichte Erkältungszeichen. Der Verlauf erscheint mild, und Leon erholt sich rasch – zumindest scheinbar. Was jedoch bleibt, ist eine auffällige Müdigkeit, die sich nicht mehr vollständig zurückbildet. Zunächst nimmt Leon den Schulalltag wieder auf. Doch schon bald zeigt sich, dass er nachmittags erschöpft ist. Er zieht sich zurück, liegt viel im Bett oder auf dem Sofa und verbringt zunehmend Zeit am Handy. Aktivitäten, die ihm früher Freude bereitet haben – insbesondere das Fussballtraining – lehnt er ab. Gleichzeitig klagt er über Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit und eine zunehmende Empfindlichkeit gegenüber Lärm. Seine Eltern reagieren zunächst verständnisvoll und lassen ihn einige Tage zu Hause. Doch eine Besserung tritt nicht ein. Im Gegenteil: Immer, wenn Leon versucht, aktiver zu sein, verschlechtern sich die Beschwerden. Er wirkt gereizt, erschöpft und wenig belastbar. Die Familie sucht den Praxispädiater auf. Die klinische Untersuchung bleibt unauffällig, es finden sich keine klaren Definition Schulabsenz bezeichnet im Schweizer Kontext das Fernbleiben vom obligatorischen Unterricht unabhängig von der Ursache. Dabei wird zwischen entschuldigten und unentschuldigten Absenzen unterschieden. Krankheitsbedingte Abwesenheiten gelten als entschuldigte Absenzen, sofern sie ordnungsgemäss gemeldet oder belegt werden (Bildungsdirektion Kanton Zürich, ohne Datum; Erziehungsdirektion des Kantons Bern, ohne Datum). Schulabsentismus ist eine Form von Schulabsenz und umfasst Formen von physischer Abwesenheit vom Unterricht, die das Lernen beeinträchtigen – einschliesslich unentschuldigtem Fehlen (Schwänzen), entschuldigtem Fehlen (z. B. durch Eltern legitimiert) sowie schulvermeidenden Verhaltensweisen aufgrund psychischer Belastungen. Die Differenzierung zwischen Long COVID und Schulabsenz stellt in der klinischen Praxis eine besondere Herausforderung dar. Während Schulabsentismus ein wiederholtes, nicht krankheitsbedingtes Fernbleiben vom Unterricht beschreibt, handelt es sich bei Long COVID um eine somatische Erkrankung mit klarer Belastungsintoleranz. Dennoch können sich beide Phänomene überlagern. Umso wichtiger ist eine sorgfältige, interdisziplinäre Abklärung unter Einbezug medizinischer, psychosozialer und schulischer Aspekte. Eine vorschnelle Zuordnung birgt das Risiko von Fehldiagnosen und inadäquaten Interventionen. In der aufsuchenden häuslichen Pflege wird daher ein besonderes Augenmerk auf die differenzierte Erfassung der Symptomatik und der funktionellen Einschränkungen gelegt.
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