KINDERÄRZTE.SCHWEIZ 2/2026

02 / 2026 FORTBILDUNG: THEMENHEFTTEIL KINDERÄRZTE. SCHWEIZ 23 on.100 Bei schwerem POTS sollten Kochsalz-Infusionen erwogen werden101, wobei die WHO-Trinklösung (oral rehydration solution) praktikabler und nicht unterlegen ist102 (bei Kindern und Jugendlichen möglicherweise Infusionen überlegen103). Ausserdem sind nicht-medikamentöse Massnahmen empfehlenswert (s. Abb. 1). Bei fehlendem Ansprechen sollten weitere Abklärungen erfolgen, insbesondere von Herz und Lunge. Mastzellenaktivierungssyndrom: ein weiteres klinisches Chamäleon Long COVID kann zu einer Verschlechterung eines bisher unerkannten Mastzellaktivierungssyndroms (MCAS) führen oder bis anhin normale Mastzellen aktivieren.104 Ähnlich wie POTS führt ein MCAS zu einer breiten Palette von unspezifischen Symptomen, u.a. Verdauungsprobleme (Blähungen, Bauchschmerzen oder -krämpfe, Diarrhoe und/oder Obstipation, Nausea), Palpitationen, ungerichteter Schwindel, Hypotonie, Brain Fog, Fatigue, Kopfschmerzen, Atemnot, Verschlechterung des Zustandes bei Stress, Temperaturextremen, Aktivität oder postprandial, neue Unverträglichkeit von Alkohol, Flush o. a. Hautausschläge, unerklärliche Panikattacken.105 Da eine Mastzellüberaktivität oder ein MCAS bei Long COVID sehr häufig und klinisch enorm schwierig einzuschätzen ist106, empfiehlt sich ein Therapieversuch mit Fexofenadin 120–180 mg. Eventuell sind Ernährungsberatung und Diaminoxidase (Daosin®) zu den Mahlzeiten sinnvoll (s. Abb. 1). Allfällige weitere Substanzen zur Mastzellen-Stabilisierung sind oft sinnvoll und hilfreich. Bei einer allfälligen Gastroskopie oder Koloskopie bei Long-COVID-Betroffenen sollte in Biopsien eine histologische Färbung auf Mastzellen (CD117) durchgeführt werden.107 Dyspnoe Dyspnoe bzw. Belastungsintoleranz sind oft Symptome eines POTS. Wird das POTS adäquat behandelt, ohne dass sich die Dyspnoe verbessert, sollte eine pneumologische Beurteilung inklusive Testung der Funktion der respiratorischen Muskulatur108 erfolgen und allenfalls ein VQ-SPECT/CT erwogen werden. Auch bei Betroffenen mit mildem Akutverlauf und anhaltenden respiratorischen Symptomen konnten damit teils small airways disease oder pulmonale Mikrothromben nachgewiesen werden.109 Da bei Long COVID eine Hyperkoagulabilität und exzessive Plättchen-Aktivierung bei gleichzeitiger Fibrinolyse-Resistenz der Microclots bestehen, sind entsprechend die D-Dimere als Fibrin-Abbauprodukte und somit als Biomarker für eine Fibrinolyse-Aktivität oft negativ.110 Deswegen sollte ein VQ-SPECT/CT bei Long COVID mit respiratorischen Symptomen durchgeführt werden, selbst wenn D-Dimere negativ sind. Kardiovaskuläre Beschwerden Die kardiovaskuläre Dysfunktion ist eine zentrale Komponente der Long-COVID-Symptomatik. Sie äussert sich regional, als mikrovaskuläre Dysfunktion, oder systemisch, als posturales orthostatisches Tachykardiesyndrom, inadäquate Sinustachykardie, orthostatische oder postprandiale Hypotension, oder als Reflexsynkopen.111 Diese Störungen müssen proaktiv gesucht und behandelt werden. Bei fehlendem Ansprechen sollte eine kardiologische Abklärung mit 3T-MRI erwogen werden. Eine Frankfurter Studie demonstrierte bei Betroffenen mit meist milden oder moderaten kardialen Symptomen und unauffälligen kardialen RoutineTests mit 3T-Kardio-MRT nicht-ischämische Myokardnarben, Perikardergüsse und Entzündungsmerkmale.112 Eine Belastungsergometrie ist kontraindiziert, da eine Post-exertional Malaise irreversibel sein kann. Gelegentlich treten nach COVID-19 Frostbeulen-artige Läsionen der Akren auf («COVID-Zehen»). Wenn diese mehr als 30 Tage persistieren, werden eine NagelfalzKapillarmikroskopie sowie eine rheumatologische Abklärung empfohlen, um andere, möglicherweise durch COVID-19 ausgelöste Erkrankungen zu suchen. Therapeutisch werden Aspirin, topische (in schweren Fällen systemische) Corticosteroide, Hydroxychloroquin, Vasodilatatoren und Prostacyclin-Analoga eingesetzt. Möglicherweise stellt die Nagelfalz-Kapillarmikroskopie einen nicht-invasiven Surrogatmarker für die Lungenkapillaren dar, um eine unklare Dyspnoe ätiopathogenetisch zu differenzieren.113 Neurokognitive Defizite Viele Long-COVID-Betroffene klagen über Brain Fog, ein neu vorgeschlagenes Syndrom, welches Aufmerksamkeitsdefizite, Schwierigkeiten der Verarbeitungsgeschwindigkeit, des Sprachflusses und des Gedächtnisses sowie Störungen der exekutiven Funktionen beinhaltet.114 Auch bei neurokognitiven Defiziten sollte ein POTS gesucht und behandelt werden. Ein Team in Yale hat mit einer Kombination von Guanfacin (Intuniv®, ein Medikament zur Behandlung von ADHS) und N-Acetylcystein vielversprechende Erfahrungen gemacht.115 In einer Studie mit 95 Probanden zeigten 90% auf SSRI (Fluvoxamin, Citalopram, Escitalopram und Fluoxetin) oder SNRI (Venlafaxin) ein mässiges bis sehr gutes Ansprechen von Kognition, Reizüberempfindlichkeit, Fatigue und Dysautonomie. Der postulierte Wirkmechanismus ist die Beeinflussung des Kynurenin-Pfades und pro-inflammatorischer Zytokine und im Fall von Venlafaxin dopaminerge Effekte. Bei Nebenwirkungen emp-

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