KINDERÄRZTE.SCHWEIZ 2/2026

02 / 2026 FORTBILDUNG: THEMENHEFTTEIL KINDERÄRZTE. SCHWEIZ 19 Infektion und Typ-I-Interferon-gesteuerte inflammatorische Prozesse reduzieren Serotonin über drei Mechanismen: reduzierte Aufnahme des Serotonin-Bausteins L-Tryptophan, Hyperaktivierung von Thrombozyten und Thrombozytopenie sowie erhöhter MAO-vermittelter Serotonin-Metabolismus. Der periphere Serotonin-Mangel beeinträchtigt die Vagusfunktion und damit den Hippocampus und das Gedächtnis.62 Überraschend ist bei Long COVID eine verstärkte Antikörperbildung auf andere Viren als SARS-CoV-2, insbesondere auf das Epstein-Barr-Virus.63 Eine Schweizer Studie fand eine reproduzierbare Abnahme von C7Komplexen des Komplementsystems, und zwar ausschliesslich bei anhaltend symptomatischen Long-COVID- Betroffenen. Nach Abheilung normalisierten sich die C7-Komplexe. Mittels Massenspektroskopie konnten erhöhte Marker für Gewebsschädigungen demonstriert werden. Ausserdem wurde eine Zunahme von Monozyten-Thrombozyten-Aggregaten bei Long-COVID- Patient:innen gezeigt.64 Es ist zu hoffen, dass diese Befunde zur Entwicklung eines diagnostischen Markers führen und andererseits therapeutische Implikationen haben. In einem 3D-In-vitro-Modell von humanem Skelettmuskel führte die Exposition mit Serum von Patient:innen mit ME/CFS oder Long COVID bereits nach 48 Stunden zu einer signifikanten Reduktion der Muskelkontraktionskraft, begleitet von transkriptomischen Hinweisen auf einen hypermetabolischen Zustand mit Störungen der Kalziumhomöostase und mitochondrialen Funktion. Bei längerer Exposition (96–144 Stunden) zeigten sich ausgeprägte Muskelschwäche, strukturelle Fragilität und mitochondriale Fragmentierung. Die Befunde sprechen für direkte serumbedingte myopathische Effekte als Beitrag zur belastungsinduzierten Symptomverschlechterung bei ME/CFS und Long COVID.65 Diagnostik Long COVID und ME/CFS sind primär klinische Diagnosen. Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es keinen diagnostischen Marker und kein Panel an Laborwerten, wodurch Long COVID und ME/CFS eindeutig diagnostiziert oder wahrscheinlich gemacht werden. Die apparative Zusatzdiagnostik dient ausserhalb von Studien in erster Linie der Differentialdiagnostik und der Erfassung von Komorbiditäten und Mangelzuständen. Die WHO definiert: «Eine Post-COVID-19-Erkrankung kann bei Personen mit einer wahrscheinlichen oder bestätigten SARS-CoV-2-Infektion auftreten, in der Regel drei Monate nach Auftreten von COVID-19 mit Symptomen, die mindestens zwei Monate andauern und nicht durch eine andere Diagnose zu erklären sind.»72 Symptomatik nach Altersgruppen Long COVID ist eine Multisystemerkrankung, bei der Cluster von bis zu 200 verschiedenen Symptomen beschrieben werden, welche sich in ihrer Art und in ihrem Ausmass über die Zeit verändern können.66, 67 Die klinische Präsentation unterscheidet sich teils deutlich in Abhängigkeit vom Alter: Kleinkinder (0–2 Jahre) ■ Schlafstörungen, Irritabilität ■ Appetitlosigkeit, Gedeihstörung ■ Rhinitis ■ Produktiver Husten68 Kinder im Vorschulalter (3–5 Jahre) ■ Tagesmüdigkeit, -schläfrigkeit ■ Adynamie ■ Trockener Husten69 Kinder im Schulalter (6–11 Jahre) ■ Kopfweh, Glieder- oder Gelenkschmerzen ■ Tagesmüdigkeit oder -schläfrigkeit, Adynamie ■ Angst, Schlafstörungen ■ Einschränkungen von Konzentration oder Gedächtnis ■ Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen ■ Ungerichteter Schwindel, Benommenheit ■ Belastungsintoleranz ■ Juckreiz, Hautausschläge70 Jugendliche (12–17 Jahre) ■ Tagesmüdigkeit oder -schläfrigkeit, Adynamie ■ Glieder-, Muskel- oder Gelenkschmerzen ■ Kopfweh ■ Schlafstörungen, Angst, depressive Verstimmung ■ Einschränkungen von Konzentration oder Gedächtnis ■ Ungerichteter Schwindel, Benommenheit ■ Störungen von Geruchs- oder Geschmackssinn ■ Belastungsintoleranz71 Gerade im Jugendalter können Long COVID und ME/CFS zu tiefgreifenden Beeinträchtigungen in Ausbildung, sozialer Teilhabe und psychosozialer Entwicklung führen.

RkJQdWJsaXNoZXIy MjYwNzMx