02 / 2026 FORTBILDUNG: THEMENHEFTTEIL KINDERÄRZTE. SCHWEIZ 17 über Long COVID berichten.15 Zu den häufigsten Symptomen zählen Fatigue, Schlafstörungen und emotionale Beschwerden. Während viele Kinder nach mildem Verlauf eine rasche Besserung zeigen, verbleibt ein relevanter Anteil über 12 Monate hinweg symptomatisch.16, 17 Die Häufigkeit von Long COVID schwankt deutlich in Abhängigkeit von Virusvariante und Studiendesign. In Studien mit der Alpha-Variante lagen die Raten in der pädiatrischen Kohorte zwischen 6,7% und 70%, bei Delta zwischen 23% und 61,9%, bei Omikron zwischen 17% und 34,6%.18 Pinto Pereira fand, dass bei Kindern und Jugendlichen 3 und 6 Monate nach der Infektion mit der Omikron-Variante (B.1.1.529) 12–16% die Forschungsdefinition von Long COVID erfüllten. In einer grossen retrospektiven Kohortenstudie bei Kindern und Jugendlichen in der Omikron-Ära war eine SARS-CoV-2-Reinfektion mit einem deutlich erhöhten Risiko für eine ärztlich dokumentierte Long-COVID- Diagnose sowie mit einer erhöhten Inzidenz eines breiten Spektrums Long-COVID-assoziierter Symptome und Erkrankungen im Vergleich zur Erstinfektion assoziiert.19 Unabhängig von der Virusvariante bleibt Fatigue das häufigste Leitsymptom.20 Die wichtigsten Risikofaktoren für pädiatrisches Long COVID sind höheres Alter, weibliches Geschlecht, vorbestehende Erkrankungen wie Adipositas, Asthma oder allergische Erkrankungen sowie eine hohe Komorbiditätslast.21, 22 Ein schwerer akuter Krankheitsverlauf mit Hospitalisation, hoher initialer Symptomlast (z. B. Dyspnoe, Fieber, Anosmie) oder intensivmedizinischer Behandlung ist ein starker Prädiktor für persistierende Symptome.23, 24 Zusätzlich sind sozioökonomische Belastungsfaktoren und neuropsychiatrische Vorerkrankungen mit einem erhöhten Risiko für Long COVID assoziiert.25, 26 COVID-19-Impfung Die COVID-19-Impfung reduziert das Risiko für Long COVID bei Kindern und Jugendlichen signifikant, mit einer adjustierten Impfeffektivität von rund 35–42% innerhalb von 12 Monaten nach Impfung, wobei der Schutzeffekt bei Adoleszenten höher ist als bei jüngeren Kindern.27 Die Schutzwirkung variiert stark je nach Virusvariante und Zeitpunkt der Impfung und war während der Delta-Phase sehr hoch (bis 95%), während sie in der Omikron-Phase moderater ausfällt (ca. 60–75%).28 Leider kann indessen auch die Impfung zu einem Long COVID-ähnlichen Krankheitsbild führen, dem sog. PostVaccine-Syndrom (Post-Vac).29 Die Häufigkeit von PostVac wird basierend auf dem Post-Marketing-Report von BioNTech/Pfizer auf 0.02% geschätzt.30 Post-Vac ist also deutlich seltener als Long COVID, und die Impfungen reduzieren das Risiko von Long COVID, sodass eine Impfung in den meisten Fällen zu empfehlen ist. Die Behandlung von Post-Vac ist gemäss heutigem Kenntnisstand weitgehend identisch mit der von Long COVID. Abgrenzung zu Münchhausen-by-proxy Im Rahmen der pädiatrischen Langzeitverläufe postinfektiöser Syndrome wie ME/CFS oder Long COVID kommt es mitunter zu Konflikten zwischen Eltern, Pädiatern und Schulen, insbesondere bei anhaltendem Schulabsentismus oder ungewöhnlichen Krankheitsschilderungen ohne fassbare Befunde in der Routinediagnostik. In diesem Zusammenhang wird teils die Verdachtsdiagnose Münchhausen-by-proxy-Syndrom (auch: Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom; im ICD-10 als Form der Kindesmisshandlung (T74.*) codiert) in Erwägung gezogen. Diese Einschätzung erfordert jedoch höchste Zurückhaltung und eine differenzierte Analyse, da Postakute Infektionssyndrome PAIS um ein Vielfaches häufigere, durch valide pathophysiologische Mechanismen erklärbare Erkrankungen sind, während es sich bei Münchhausen-by-proxy um eine sehr seltene, juristisch besonders sensible Störung handelt. Die Prävalenz des Münchhausen-by-proxy-Syndroms liegt bei geschätzten 0.5–2.8 Fälle pro 100000 Kindern, wobei rund 75% der betroffenen Kinder jünger als fünf Jahre sind.31 Demgegenüber betrifft ME/CFS schätzungsweise 0,75–1% der Kinder und Jugendlichen, also etwa 10 000-mal häufiger, am häufigsten 10- bis 17-Jährige.32 Klinisch unterscheiden sich beide Entitäten deutlich: Bei PAIS treten multiple und wechselnde Symptome auf, diese folgen jedoch einer konsistenten, krankheitstypischen Dynamik. Am häufigsten finden sich eine Postexertional Malaise, Belastungsintoleranz und Fatigue, orthostatische Intoleranz (z. B. posturales orthostatisches Tachykardiesyndrom POTS), Schmerzen, Schlafstörungen, Small Fiber Neuropathie oder neurokognitive Einschränkungen, mit fluktuierendem Verlauf in Abhängigkeit der Belastung und erneuter Infekte. Bei Münchhausen-by-proxy zeigen sich hingegen häufig wechselnde, nicht reproduzierbare Symptomschilderungen (Apnoe, Zyanose, Ess- und Gedeihstörungen, Diarrhoe, Krampfanfälle, Fieberschübe, oft mehrere chirurgische Eingriffe), inkonsistente Untersuchungsbefunde und eine fehlende Kongruenz zwischen Anamnese, Befunden und Reaktion auf Behandlung.33 Es sind jedoch Einzelfälle von Münchhausen-by-proxy bekannt, bei denen die schädigende Person das Vorliegen von ME/CFS suggerierte.34
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