Zenit Nr. 2. Juni 2026

Zenit | Juni 2026 MENSCHEN FOKUS ✺ 21 «Ins Wirtshaus kamen nur wenige, niemand hatte Geld.» Rosalia Knüsel, 95, Ibenmoos «Wir führten 30 Jahre lang die Wirtschaft Ottenhausen bei Ballwil und hatten daneben einen kleinen Bauernhof. Am Anfang, Ende der Fünfzigerjahre, kam kaum jemand ins Wirtshaus essen, niemand hatte dafür das Geld. So kochte ich einfach etwas mehr, damit es für spontane Gäste auch noch reichen würde. Das war vielleicht mal ein Arbeiter oder ein Lastwagenfahrer. Später kamen vor allem am Wochenende Gäste, für die ich dann Braten, Rahmschnitzel, Kartoffelstock oder Pommes frites zubereitet habe. Nebst der Betreuung der sechs Kinder war das manchmal schon streng, aber wir wussten halt nichts anderes. Als Kind kann ich mich an den Kriegsausbruch erinnern, wie wir mit Lebensmittelmarken einkaufen gingen. Wir mussten das Essen einteilen, aber Hunger hatten wir nicht. Dass es nicht alles im Überfluss gab, hat auch schöne Seiten. So erinnere ich mich heute noch, wie es jeweils am 24. Juni, am Kirchenfest, nach frischen Erbsli und Rüebli geduftet hat. Nach vielen winterlichen Monaten ohne Frischwaren freuten wir uns, endlich wieder frisches Gemüse auf dem Teller zu haben.» Familie, auch mit der Nachbarschaft pflegten wir einen freundschaftlichen Kontakt. Wenn wir im Herbst auf dem Hof eine Sau schlachteten, hatten wir jeweils so viele Leber-, Blut- und Bratwürste, dass wir den Nachbarn etwas abgaben. Dasselbe machten diese, wenn sie ein Tier schlachteten. Diese gegenseitige Hilfsbereitschaft war etwas Schönes. Fleisch stand nicht oft auf dem Speise- plan. Das Fleisch von der herbstlichen Schlachtung musste jeweils lange rei- chen. Meine Mutter hat Braten und Voressen in Gläsern sterilisiert. Sie schaute, dass wir beim Heuen im da- rauffolgenden Sommer noch etwas davon hatten. Manchmal gab es eine Notschlachtung im Dorf, dann beka- men wir ein Aufgebot und durften zwei bis drei Pfund Fleisch abholen, das wir nach Hause nehmen konnten. Wenn es Tuberkulose-Kühe waren, mussten wir das Fleisch stundenlang auskochen. Die Mutter liess es dann durch den Fleischwolf und mischte es mit Zwiebeln und Brot. Das war fein. Viel Arbeit für alle Zu jedem Mittag- und Abendessen gab es Suppe. Jeden zweiten Tag schälten wir am Abend Kartoffeln. Dann gab es zum Frühstück Rösti mit einem Glas Ziegenmilch und alle zwei Tage Gschwellti am Mittag oder abends. Wir kauften nie Kartoffeln, es waren immer unsere eigenen, die auch für die Schweine reichen mussten. Es gab damals noch keinen Strom, darum hat meine Mutter sehr viel eingemacht, gedörrt oder sonst wie haltbar gemacht. Essen bedeutete damals generell viel Arbeit und alle, auch wir Kinder, mussten mithelfen. Ich habe viele schöne Erinnerungen an meine Kindheit. Etwa, wie wir abends am Ofen gesessen sind und wir nach jedem «Gegrüsst seist du, Maria» einen gedörrten Apfelschnitz bekamen. Den feinen Duft habe ich noch heute in der Nase.»

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