Zenit | Juni 2026 20 In einer Grossfamilie auf einem ärmlichen Bauernhof, in einem ein- fachen Wirtshaus und in einem Pfarrhaus mit 17 Zimmern: Drei Seniorinnen erzählen, wie damals gekocht und gegessen wurde und wie es bei Tisch zu und her gegangen ist. Essen anno dazumal TEXT UND FOTOS: ROBERT BOSSART «Wir waren arm, aber Hunger hatten wir nie.» Martha Abt, 87 Lieli «Insgesamt hatte ich 12 Geschwister. Da wir aber 22 Jahre auseinander waren, sassen nie alle am gleichen Tisch. Dennoch gab es immer viele Mäuler zu stopfen. Die Eltern hatten in Schongau ein kleines Heimetli mit ein bisschen Land. Wir waren arm, hatten aber immer genug zu essen. Eigentlich waren wir Selbstversorger – es gab das, was wir selber anbauten und was der kleine Hof hergab. Wir hatten drei Kühe und drei Ziegen, zwei bis drei Schweine, Hasen und Hühner. Wir bauten Kartoffeln an, etwas Getreide und wir hatten einige Obstbäume. Die Mutter pflegte einen grossen Garten, in dem sie unter anderem Kefen, Erbsen, Bohnen, Rüebli und Kohl anbaute. Essen nach dem Tischgebet In der Stube stand ein grosser Tisch, an dem gegessen wurde. Ich war das zweitjüngste Kind, meist waren wir ungefähr zehn Personen beim Essen. Zuerst beteten wir gemeinsam das «Vater unser», dann wurde geschöpft und gegessen. Wir Kinder durften auch reden am Tisch, mussten uns aber anständig benehmen. Es war einfach, aber sauber, wir halfen je- weils beim Auftischen, Abräumen und Abwaschen. Ich habe schöne Erinnerungen an diese Zeit, wir hatten einen guten Zusammenhalt in der
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