03 / 2026 FORTBILDUNG: THEMENHEFTTEIL KINDERÄRZTE. SCHWEIZ 23 Besonders bemerkenswert ist das breite Spektrum extrapulmonaler Manifestationen. Diese treten bei bis zu einem Viertel der klinisch manifesten M. pneumoniae- Infektionen auf und können nahezu jedes Organsystem betreffen (siehe Tab. 1).3 Häufig sind dermatologische Manifestationen mit makulopapulösen Exanthemen, Urtikaria, sowie schweren mukokutanen Reaktionen (reactive infectious mucocutaneous eruption, RIME) (siehe Abb. 2). Neurologische Komplikationen umfassen v. a. Enzephalitis, Meningitis und das Guillain-Barré-Syndrom. Daneben wurden hämatologische, gastrointestinale, kardiovaskuläre, nephrologische/urogenitale, muskuloskelettale, ophthalmologische und otologische Manifestationen beschrieben. Extrapulmonale Manifestationen werden überwiegend durch eine immun-mediierte Pathogenese verursacht.3 Nach der COVID-19-Pandemie präsentierte sich die M. pneumoniae-CAP vermehrt mit (geringen) Pleuraergüssen und entsprechend Brustschmerzen, sowie obstruktiven Verläufen. Eine Zunahme des Schweregrads oder der extrapulmonalen Manifestationen konnte nicht beobachtet werden.1,6 Diagnostik Der aktuelle diagnostische Standard für eine M. pneumoniae-Infektion ist der PCR-Nachweis.7,8 Eine wesentliche Einschränkung der PCR besteht jedoch darin, dass sie nicht zuverlässig zwischen akuter Infektion und asymptomatischer Kolonisation unterscheiden kann.9 Die Kolonisationsrate von M. pneumoniae in den oberen Atemwegen gesunder Kinder wurde in verschiedenen Studien mit 0–56 % angegeben.1 Auch M. pneumoniae-spezifische IgM- und IgGAntikörper erlauben keine Unterscheidung zwischen Infektion und Kolonisation und beide Antikörperklassen können noch Monate bis Jahre nach einer Infektion nachweisbar sein.10 Einen Hinweis auf eine akute M. pneumoniae-Infektion liefert der Nachweis erregerspezifischer Antikörper-sezernierender Zellen (antibody-secreting cells, ASCs; sog. Plasmablasten) im peripheren Blut mittels Enzyme-Linked ImmunoSpot (ELISpot)-Test (siehe Abb. 3). Dieses Verfahren ermöglicht eine zuverlässige Unterscheidung zwischen Infektion und Kolonisation.9 Der M. pneumoniae- ASC-ELISpot-Test ist zwar noch nicht kommerziell verfügbar, kann jedoch anhand des publizierten Protokolls in spezialisierten Laboratorien etabliert werden.10 Darüber hinaus wird die Methode inzwischen auch für andere Erreger evaluiert und weiterentwickelt. Tabelle 1. Extrapulmonale Manifestationen von Mycoplasma pneumoniae-Infektionen nach Häufigkeit (vertikal, von oben nach unten) und Stärke der Assoziation (horizontal, von links nach rechts) (gemäss Meyer Sauteur et al.3). * D er Begriff «reactive infectious mucocutaneous eruption» (RIME) wird als Oberbegriff verwendet, um die Terminologie für M. pneumoniae-induced rash and mucositis (MIRM) sowie andere klinisch ähnliche, überwiegend schleimhautbetonte parainfektiöse Reaktionen zu vereinheitlichen. ** D as Stevens-Johnson-Syndrom und die toxische epidermale Nekrolyse werden heute bei infektiöser Genese der Kategorie RIME zugeordnet. *** O titis media und Myringitis treten überwiegend im Rahmen einer respiratorischen Infektion auf und gelten in diesem Zusammenhang nicht als extrapulmonale Manifestationen. Betroffenes Organsystem: (nach Häufigkeit, von oben nach unten geordnet) Stärke der Assoziation (von links nach rechts) Gesichert, bestätigt oder wahrscheinlich Möglich Dermatologisch ■ Makulopapulöses Exanthem ■ Urtikaria ■ Mukokutane Exantheme: M. pneumoniaeinduced rash and mucositis (MIRM) oder M. pneumoniae-triggered reactive infectious mucocutaneous eruption (RIME)* ■ Erythema multiforme (EM) ■ Stevens-Johnson-Syndrom (SJS)** ■ Toxische epidermale Nekrolyse (TEN)** ■ Erythema nodosum ■ Nicht sexuell erworbene genitale Ulzerationen (Lipschütz-Ulzera) ■ Angioödem ■ Flagellaten-Erythem (auch FlagellatenDermatitis) ■ «Red fingers» (erythematöse Fingerläsionen) ■ Raynaud-Syndrom (bei Kryoglobulinämie) ■ Subkorneale pustulöse Dermatose (Sneddon-Wilkinson-Syndrom) ■ Sweet-Syndrom ■ Reaktive Arthritis (früher ReiterSyndrom) ■ Papulöse Akrodermatitis (GianottiCrosti-Syndrom) ■ Röschenflechte (Pityriasis rosea) ■ Pityriasis lichenoides et varioliformis acuta (Mucha-Habermann-Syndrom) Neurologisch ■ Enzephalitis ■ Meningitis ■ Guillain-Barré-Syndrom ■ Transverse Myelitis ■ Akute disseminierte Enzephalomyelitis (ADEM) ■ Akute zerebelläre Ataxie und Zerebellitis ■ Periphere Fazialisparese und andere Hirnnervenparesen ■ Periphere Neuropathien ■ Bickerstaff-Hirnstammenzephalitis ■ Miller-Fisher-Syndrom ■ Thalamus- und Striatumnekrosen ■ Opsoklonus-Myoklonus-Ataxie-Syndrom (OMAS) ■ Schlaganfall ■ Akute hämorrhagische Leukenzephalitis (AHLE) ■ Tourette-Syndrom und chronische Tic-Störungen ■ Neuropsychologische und psychiatrische Manifestationen ■ Fatigue und neurokognitive Störungen Hämatologisch ■ Hämolytische Anämie (bei Kälteagglutininen) ■ Generalisierte Lymphadenopathie und infektiöses Mononukleose-ähnliches Syndrom ■ Splenomegalie ■ Thromboembolische Störungen und disseminierte intravasale Gerinnung (DIC) ■ Thrombotisch-thrombozytopenische Purpura (TTP) ■ Akutes Thoraxsyndrom bei Sichelzellkrankheit (acute chest syndrome) ■ Aplastische Anämie ■ Hämophagozytische Lymphohistiozytose (HLH) Gastrointestinal ■ Gastroenteritis ■ Hepatitis ■ Hepatomegalie ■ Pankreatitis Muskuloskelettal ■ Arthritis oder Arthralgie ■ Myositis oder Myalgie ■ Rhabdomyolyse ■ Fibromyalgie Kardiovaskulär ■ Perikarditis und Perikarderguss ■ Endokarditis ■ Myokarditis ■ Verschiedene Vaskulitiden (z.B. IgA-Vaskulitis [Purpura Schoenlein-Henoch], leukozytoklastische Vaskulitis, Kawasaki-Syndrom) Nephrologisch und urogenital ■ Glomerulonephritis ■ Tubulointerstitielle Nephritis ■ Rhabdomyolyse-assoziierte akute Nierenschädigung ■ IgA-Nephropathie ■ Priapismus Ophthalmologisch ■ Konjunktivitis ■ Uveitis ■ Retinitis und retinale Blutungen ■ Optikusneuritis und Papillenödem Otologisch ■ Otitis media*** ■ Myringitis*** ■ Otitis externa ■ Schallempfindungsschwerhörigkeit
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