FORTBILDUNG: THEMENHEFTTEIL 03 / 2026 KINDERÄRZTE. SCHWEIZ 22 PROF. DR. DR. MED. PATRICK M. MEYER SAUTEUR FACHARZT FÜR INFEKTIOLOGIE, FACHARZT FÜR KINDER- UND JUGENDMEDIZIN, FORSCHUNGSGRUPPENLEITER EXPERIMENTELLE UND KLINISCHE INFEKTIOLOGIE UNIVERSITÄTS-KINDERSPITAL ZÜRICH Korrespondenzadresse: patrick.meyersauteur@ kispi.uzh.ch DR. MED. ELENA ROBINSON ASSISTENZÄRZTIN FÜR KINDER- UND JUGENDMEDIZIN UNIVERSITÄTS-KINDERSPITAL BEIDER BASEL Korrespondenzadresse: elena.robinson@ukbb.ch Die Mykoplasmenpneumonie Vom atypischen Erreger zum Hauptverdächtigen talisierten Kindern und Jugendlichen.4 Familienangehörige sind häufiger mitbetroffen als bei anderen Atemwegserregern. Betroffen sind typischerweise Kinder über 5 Jahre ohne Grunderkrankungen.5 Charakteristisch ist das zyklische Auftreten von M. pneumoniae-Infektionen mit Epidemien alle 1–3 Jahre. Besonders bemerkenswert war die globale Epidemie 2023/2024 mit Rekord-Fallzahlen (siehe Abb. 1), die erst mehr als 3 Jahre nach Einführung der NPIs gegen COVID-19 und lange nach deren Lockerung und Aufhebung einsetzte. In unserer weltweiten Modellierungsstudie konnten wir zeigen, dass dieses ungewöhnlich späte Wiederauftreten wesentlich durch die lange Inkubationszeit von M. pneumoniae-Infektionen erklärt werden kann.1 Klinik Kinder mit einer M. pneumoniae-CAP präsentieren sich typischerweise mit protrahierten Symptomen wie hartnäckigem trockenem Husten, diskretem Fieber, Müdigkeit und einem nur leicht reduzierten Allgemeinzustand. Sowohl klinisch als auch radiologisch zeigt die M. pneumoniae-CAP ein breites Spektrum an Manifestationen. Die häufig zitierte «atypische Pneumonie» – im Gegensatz zur klassischen, meist durch Streptococcus pneumoniae verursachten Lobärpneumonie – stellt dabei lediglich eine von mehreren möglichen Erscheinungsformen dar.2,5 Einleitung Kaum ein bakterieller Atemwegserreger hat in den vergangenen Jahren weltweit für so viel Aufmerksamkeit gesorgt wie Mycoplasma pneumoniae. Während der COVID-19-Pandemie verschwanden Infektionen mit diesem Erreger nahezu vollständig. Anders als die meisten respiratorischen Viren und Bakterien kehrte M. pneumoniae nach Aufhebung der nicht-pharmazeutischen Interventionen (non-pharmaceutical interventions, NPIs) jedoch nicht unmittelbar zurück. Erst in der zweiten Hälfte des Jahres 2023 kam es weltweit zu einem unerwartet starken Wiederauftreten und zu globalen Ausbrüchen ambulant erworbener Pneumonien (community-acquired pneumonia, CAP) bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen.1 Diese Entwicklung unterstrich eindrucksvoll, welche Bedeutung der Erreger hat. Mycoplasma pneumoniae wird über Tröpfchen und Aerosole bei engem Kontakt übertragen, und Infektionen weisen mit 1–3 Wochen eine ungewöhnlich lange Inkubationszeit auf. Die meisten Infektionen verlaufen mild und selbstlimitierend, dennoch können Kinder und Jugendliche schwere Pneumonien sowie eine Vielzahl extrapulmonaler Manifestationen entwickeln.2,3 Epidemiologie Mycoplasma pneumoniae zählt weltweit zu den häufigsten bakteriellen Ursachen von Atemwegsinfektionen im Schul- und Jugendalter. Bei 3–10 % der Infektionen entwickelt sich eine CAP.2 In den USA war M. pneumoniae in einer Studie von 2015 der häufigste nachgewiesene bakterielle Erreger von CAP bei hospiAbbildung 1. Nachweis von Mycoplasma pneumoniae mittels PCR vom 1. April 2015 bis zum 31. Mai 2026 am Universitäts-Kinderspital Zürich (modifiziert nach Robinson et al.6). Abkürzungen: NPI, nicht-pharmazeutische Interventionen; PCR, polymerase chain reaction. prä−NPI−Periode NPI−Periode post−NPI−Periode 0 5 10 15 20 25 30 35 40 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Jahr M. pneumoniae−Nachweise mittels PCR (n) Abbildung 2. Repräsentative klinische Befunde einer durch Mycoplasma pneumoniae ausgelösten schweren mukokutanen Reaktion (reactive infectious mucocutaneous eruption, RIME). Nekrosen der oralen Mukosa und der Lippen mit hämorrhagischer Verkrustung (a, b), ausgeprägte Konjunktivitis bzw. konjunktivale Beteiligung (c), disseminierte vesikulobullöse und atypische Kokardenläsionen (d, e) sowie urethrale Beteiligung bei einem Jugendlichen (f) (gemäss Meyer Sauteur et al.3). a d e f b c
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