JAHRESTAGUNG 02 / 2026 KINDERÄRZTE. SCHWEIZ 58 Wie hat sich Ihr Beruf im Laufe der Jahre verändert? DR: Früher hat die Lehrerin oder der Lehrer gesagt, wie es läuft und (fast) alle haben das so akzeptiert. Dies war bestimmt nicht in jedem Fall gut. Heute kommen Erziehungsberechtigte im besten Fall einen halben Tag in den Unterricht und beurteilen anschliessend, ob ihr Kind gut gefördert wird und stellen dann Forderungen. Wieder anderen ist es ziemlich egal, was in der Schule läuft und sie delegieren alles an die Lehrpersonen ab. Diese hohen Ansprüche und die Vielzahl individueller Bedürfnisse, das gab es früher nicht – zumindest nicht in diesem Ausmass. MvR: Ich habe den ersten Teil meiner Ausbildung in Deutschland gemacht, wo sich die Arbeitsbedingungen für Ärzt:innen zunehmend verschlechtert haben, sodass am Schluss ein krasses Missverhältnis zwischen der erforderlichen und der zur Verfügung stehenden Zeit pro Patient:in bestand. Das war für mich ein wichtiger Grund, in die Schweiz zu kommen. Hier beobachte ich in den letzten Jahren eine zunehmende Verunsicherung; einen steigenden Druck aus der Schule in Richtung medizinische Abklärungen. Was sind Ihre Erinnerungen an die Schule beziehungsweise an den Kinderarzt? MvR: Ich ging sehr gern zur Schule und hatte eine wunderbare Grundschullehrerin. Auch später auf der weiterführenden Schule waren die Lehrpersonen für mich zum Teil einfach beeindruckende Persönlichkeiten. Ausserdem war für mich prägend, dass ich eigentlich in meiner ganzen Schulzeit immer der jüngste Schüler der Klasse war. Das war nicht immer einfach und manchmal eine ungewollte Möglichkeit für soziales Lernen. DR: Für mich war der Besuch bei meiner Kinderärztin kein Stress. Bei ihr hatte ich ungeteilte Aufmerksamkeit und alle waren lieb. Nur einmal habe ich, so glaube ich mich zu erinnern, auf eine Frage der Ärztin eine patzige Antwort gegeben. Sie hat mich dann ziemlich zurechtgewiesen und draussen hat dann auch noch meine Mutter mit mir geschimpft. Das ist mir geblieben, bis heute, denn ich bin immer noch der Meinung, dass ich nicht frech war, sondern dass ich falsch verstanden worden bin. In welcher Altersgruppe der Schüler:innen sehen Sie die grössten Herausforderungen? MvR: Ich denke, dass jedes Alter seine spezifischen Herausforderungen hat, und jedes Alter auch seine spezifischen Entwicklungsaufgaben. DR: Ich beobachte vermehrt, dass erkannt wird, wie wichtig frühe Förderung ist – nicht nur im Sprachbereich. So gesehen ist der Eintritt in den Kindergarten ein sensibler Übergang. Auch der Umgang mit den noch sehr jungen Kindern ist eine grosse Herausforderung, die von Kindergartenlehrpersonen eine grosse Professionalität verlangt. Auch der Übertritt in die Oberstufe ist eine wichtige Schnittstelle, an welcher Jugendliche gut begleitet werden müssen. Aber auch jede andere Altersstufe hat ihre Herausforderungen und Klippen. Wie stehen Sie zu einem Social-Media-Verbot, wie es z.B. Australien anwendet? MvR: Kinder müssen Medienkompetenz lernen. Durch ein komplettes Verbot erreicht man die natürlich nicht. Gleichzeitig finde ich es verantwortungslos, Kinder und Jugendliche mit den neuen Medien komplett allein zu lassen. Ich denke, dass schon auch eine Fürsorgepflicht besteht und Kinder und Jugendliche geschützt werden müssen. Zum Glück gibt es inzwischen gute Empfehlungen der Fachgesellschaften zum Umgang mit digitalen Medien, an denen Familien sich orientieren können. DR: Der LCH hat Ende 2025 ein Positionspapier mit dem Titel «Verantwortungsvoller Umgang mit digitalen Medien» verabschiedet. Darin plädiert er für eine Dreifachstrategie, um Kinder und Jugendliche zu einem sicheren und verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Medien zu befähigen. Diese Dreifachstrategie setzt sich zusammen aus gezielter Stärkung der Kompetenzen der Erziehungsberechtigten; verbindlicher stufengerechter Medienbildung an Schulen; und aus klaren gesetzlichen Schutzmassnahmen, die riskante Inhalte begrenzen, manipulative Algorithmen entschärfen und eine datensparsame Altersüberprüfung gewährleisten. Ein generelles Social-Media-Verbot lehnen wir jedoch ab. Wir danken Dagmar Rösler und Michael von Rhein herzlich für das engagierte Gespräch und ihre offenen, persönlichen Antworten. ■ «Die hohen Ansprüche von allen Seiten – das gab es früher nicht in diesem Ausmass.» Dagmar Rösler «Kinder und Jugendliche mit digitalen Medien komplett allein zu lassen, ist verantwortungslos.» Prof. Dr. med. Michael von Rhein Foto: © Barbora Prekopová, Universitäts-Kinderspital Zürich
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