KINDERÄRZTE. SCHWEIZ 57 02 / 2026 JAHRESTAGUNG Zwischen Klassenzimmer und Kindermedizin INTERVIEWERIN: DR. MED. NICOLE HALBEISEN VORSTANDSMITGLIED KINDERÄRZTE SCHWEIZ, LEITERIN ARBEITSGRUPPE JAHRESTAGUNG, EBIKON Korrespondenzadresse: nicole.halbeisen@hin.ch Ein Gespräch mit Dagmar Rösler und Michael von Rhein im Vorfeld der KIS-Jahrestagung vom 3. September 2026. Was war Ihre Motivation? DR: Ich hatte schon früh das Bedürfnis, Verantwortung zu übernehmen und gestaltend zu wirken. Lehrerin zu werden, hat da in meinen Vorstellungen absolut gepasst. Ausserdem habe ich mir vorgestellt, dass der Lehrer:innenberuf einer ist, wo man eigene Entscheidungen treffen, kreativ sein kann und mich ein abwechslungsreicher Berufsalltag erwartet. MvR: Menschen mit meinem Wissen zu helfen und Verantwortung zu übernehmen, fand ich faszinierend. Und ich arbeite einfach gern mit Menschen. Was sind die schönsten Seiten Ihres Berufes? MvR: Mich ganz auf die Kinder und Familien einlassen zu können und Eltern zu helfen, gemeinsam mit ihren Kindern Lösungen für den Alltag und einen guten Weg zu finden. Ausserdem bin ich sehr gerne in der Ausbildung von Studierenden und angehenden Kolleg:innen tätig. DR: Ich habe nur noch ein Minipensum an einer Primarklasse; hauptberuflich arbeite ich als Präsidentin des LCH. Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen fordert täglich heraus und gibt gleichzeitig enorm viel Energie. Kinder sind direkt, ehrlich und geben unmittelbares Feedback. Das zwingt einen, das eigene Handeln immer wieder zu reflektieren. Diese ständige Auseinandersetzung mit den einzelnen Schüler:innen, der Klasse und dem Umfeld macht den Lehrberuf für mich bis heute spannend. Was sind die schwierigsten Seiten Ihres Berufes? MvR: Man muss unter Druck und mit knappen Ressourcen trotzdem gute Lösungen finden. Manchmal ist es auch schwierig, die Vermittlerrolle zwischen der Familie und dem Umfeld, etwa der Schule, zu übernehmen. DR: Die stetig steigenden Anforderungen, die von allen Seiten auf die Schule einprasseln. Dazu die grosse Heterogenität in den Klassen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und den hohen individualisierenden Bemühungen. Über die Schule wird heute selten positiv gesprochen. Wenn sie mit digitalen Tools arbeitet, dann wird das hinterfragt. Tut sie es nicht, ist sie rückständig. Arbeitet sie mit selbst organisiertem Lernen, dann überlässt sie Schüler:innen ihrem Schicksal; tut sie es nicht, dann arbeitet sie nach «alter Schule». Vorschnelle Meinungen über Schule, ohne echten Einblick in den Unterricht, empfinde ich oft als schwierig und anstrengend. Wie erleben Schule und Kindermedizin heute die Belastungen von Kindern und Jugendlichen? Wo entstehen Spannungen – und wie kann die Zusammenarbeit zwischen Lehrpersonen, Familien und Kinderärzt:innen gelingen? Diesen Fragen widmet sich die Podiumsdiskussion «Kinder-/Jugendgesundheit im Kontext der Schule» an unserer Jahrestagung 2026. Im Gespräch treffen zwei Perspektiven aufeinander, die Kinder und Jugendliche über viele Jahre begleiten: Dagmar Rösler, Zentralpräsidentin des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH), und Prof. Dr. Michael von Rhein, Entwicklungspädiater am Universitäts-Kinderspital Zürich. Vorab haben wir beiden einige persönliche und berufspolitische Fragen gestellt – über Motivation, Herausforderungen im Berufsalltag, gesellschaftliche Erwartungen und den Umgang mit den Veränderungen im Schulalltag. Entstanden ist ein spannender Einblick in zwei Berufe, die an einer wichtigen Schnittstelle gemeinsam Verantwortung für Kinder und Jugendliche tragen. Wann haben Sie sich entschieden, Lehrerin beziehungsweise Arzt zu werden? Dagmar Rösler (DR): Bereits in meinen frühen Jugendjahren hatte ich einen guten Zugang zu Kindern. Es hat mir Spass gemacht, Zeit mit ihnen zu verbringen. Daraus ist der Wunsch entstanden, mit Kindern zu arbeiten. Michael von Rhein (MvR): Eigentlich erst spät. Während meiner Schulzeit wollte ich zunächst ganz etwas anderes studieren: Journalismus, Politikwissenschaften oder Orientalistik, aber während des Zivildiensts habe ich dann doch gemerkt, dass es mich in die Medizin zieht. «Über die Schule wird heute selten positiv gesprochen.» Dagmar Rösler Foto: Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz LCH
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