KINDERÄRZTE.SCHWEIZ 2/2026

02 / 2026 FORTBILDUNG: THEMENHEFTTEIL KINDERÄRZTE. SCHWEIZ 45 schlafen und ständig gefroren. Dazu wurde das Erbrechen immer mehr und ich konnte einfach nicht mehr zur Schule. Ich war sehr enttäuscht, dass ich es nicht mehr in die Schule schaffte! Wenn man dann so erschöpft zu Hause bleiben muss, da hat man schon ein wenig Angst vor der Zukunft. In der Sek spürte ich den Druck, dass ich jetzt länger nicht in der Schule war. Wir hatten aber eine sehr verständige Schulleitung und Lehrerin und auch meine Kolleginnen waren sehr unterstützend. Und so hat unser Kinderarzt, Dr. Lanzicher, damals als Erster die Verdachtsdiagnose «Long COVID» gestellt. Unter dieser Verdachtsdiagnose konnte ich mir aber nichts Genaues vorstellen. Ich wollte aber unbedingt, dass es mir rasch und bald wieder besser gehen würde. PT: Ja, ich hatte auch schon den Verdacht und begonnen, mich mit dem Thema Long COVID zu beschäftigen, aber ich hatte damals nur rudimentäre Kenntnisse zu dieser Erkrankung. Da war ich froh, dass unser Kinderarzt uns dann in eine Spezialsprechstunde für Long COVID überwiesen hat. KIS: Und wie war das dann in der Long-COVIDSprechstunde? PT: Das war eine Riesenenttäuschung – ich war total verzweifelt! Wir hatten grosse Hoffnung auf Klärung und einen Plan und vor allem auf Hilfe in irgendeiner Form. Und da kamen wir in diese Sprechstunde, welche von einem Pneumologen geführt wurde. Es wurden ein Lungentest und eine Blutentnahme gemacht, dann eine kurze Anamnese durchgeführt und aufgrund der normalen Lungenfunktion und der Laborwerte lapidar festgestellt, dass Anna KEIN Long COVID habe. Gleichzeitig aber stellte der Arzt fest, dass die weiteren Symptome «zu komplex» für Long COVID seien. Es wurden eine kardiologische und neurologische Kontrolle geplant. Vielleicht doch ein bisschen Hoffnung? Doch erneut wurde gar nicht auf die vielen klaren Symptome des Chronischen Fatigue-Syndroms im Rahmen von Long COVID eingegangen. Die Anamnese erfragte gar keine der typischen Symptome. Neurologisch wurde sie kurz untersucht und dann wurde festgestellt, dass Anna gesund sei. Es wurde empfohlen, sie unbedingt in die Schule zu schicken, da der Schulabsentismus die Symptome nur verstärken würde, und sonst solle sie zur stationären Kräftigung und Therapie in die psycho-somatische Station des Spitals Davos gehen. Auf Long COVID gingen die Ärzt:innen gar nicht mehr ein, dies sei ja bereits ausgeschlossen worden. Mir hingegen wurde zu verstehen gegeben, dass ich eine Form eines Münchhausen-by-proxy ausgelöst habe, indem ich die sogenannten Symptome meiner Tochter zu ernst nehmen würde. A: Ich konnte das Ganze gar nicht richtig verstehen. Ich wusste: «Ich kann nicht zur Schule gehen, weil ich einfach überleben muss.» Ja, genau so war’s, auch wenn das niemand – ausser meiner Mutter – verstehen wollte und konnte. Ich spürte, dass mein Körper einfach nicht mehr weiter konnte, dass jede Anstrengung eine zu viel war, dass ich schon körperliche Erschöpfungssymptome hatte, wenn ich nur mit meinen guten Kolleginnen kurz schwatzen wollte. KIS: Also du warst so richtig «abgelöscht»? A: Nein – eben nicht! Ich wollte eigentlich unbedingt in die Schule, ich wollte unbedingt wieder singen, unbedingt mit meinen Kolleginnen sein – aber mein Körper, der konnte das eben nicht. Und genau davor hatte ich auch Angst: dass ich nun abgestempelt werde als Schulverweigerin, in die Schublade der depressiven Jugendlichen gesteckt werde. Meine Krankheit ist nicht psychisch, sie ist physisch! PT: Ja, das war wirklich schlimm. Für mich ist das immer noch ein traumatisches Erlebnis – damals wurde mein Grundvertrauen in Ärzt:innen erschüttert! Ich bin selbst Physiotherapeutin und Tochter eines Hausarztes. Aber ich kann bis heute nicht verstehen, dass man damals weder in einer sogenannten Spezialsprechstunde noch durch weitere Fachärzt:innen die Diagnose eines LC/CFS stellen konnte. War es einfach simples Nichtwissen oder mangelndes Interesse? Ich weiss es immer noch nicht. Jedenfalls habe ich mich für meine Tochter eingesetzt und Gott sei Dank nicht auf den Rat dieser Ärzt:innen gehört. Die Schule war verständig und unser Kinderarzt hat uns sehr unterstützt, auch wenn er therapeutisch nicht weiter wusste. KIS: Wer konnte dir dann weiterhelfen? A: Ja, wir hatten dann ja grosses Glück, dass ich in den Ferien in Bergün eine Orbitalphlegmone entwickelt habe… PT: Wir gingen zur Erholung in mein Heimatdorf, und dort wurde Anna erneut sehr krank. Wir gingen dort notfallmässig zum zuständigen Arzt, Herrn Dr. Utiger, welcher sofort sagte: «Die Anna hat doch Long COVID!» Da er sich mit dem Krankheitsbild auskannte, – der Dorfarzt in Bergün! – meinte er, dass Anna keinesfalls ins Spital gehen dürfte. Jeder zusätzliche Stress würde ihre Gesundheit noch stärker und länger angreifen! Er behandelte daher die Phlegmone vor Ort mit Infusionen und schickte uns nach ihrer Gesundung zu einer Therapeutin, welche sich mit dem Krankheitsbild auskannte. KIS: Wie ging es dir damals in Bergün? A: Das war tatsächlich ein grosser Moment der Beruhigung, als der Hausarzt meiner Mutter bestätigte, dass ich tatsächlich eine körperliche Krankheit hatte. Endlich jemand, der mich ernst nimmt, jemand der versteht, was ich erlebe, jemand, der mir auch einen Weg aufzeigt, wie alles wieder besser gehen wird. KIS: Wie ging es dann weiter? PT: Unser Hausarzt organisierte für uns einen Termin bei

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