02 / 2026 FORTBILDUNG: THEMENHEFTTEIL KINDERÄRZTE. SCHWEIZ 31 PD DR. MED. JÜRG C. STREULI, PhD FACHARZT FÜR KINDER- UND JUGENDMEDIZIN, MITGLIED REDAKTIONSKOMMISSION, OSTSCHWEIZER KINDERSPITAL UND STIFTUNG GESUNDHEITSKOMPASS, UZNACH DR. MED. LARA GAMPER FACHÄRZTIN FÜR KINDER- UND JUGENDMEDIZIN, UNIVERSITÄTSKINDERSPITAL ZÜRICH DR. MED. CORDULA WARLITZ FACHÄRZTIN FÜR KINDER- UND JUGENDMEDIZIN, SCHWERPUNKT: ME/CFS UND POSTAKUTE INFEKTIONSSYNDROME, D-MÜNCHEN Korrespondenzadresse: juerg.streuli@ gesundheitskompass.ch Praxisleitfaden: Postakute Infektionssyndrome (PAIS) inkl. Long COVID, ME/CFS und Post-Vac-Syndrom • Verlauf häufig fluktuierend, Tagesform stark variabel • Symptome auch nach minimalen Reizen (Gespräch, Körperpflege) erfassen 3. Psychische/psychosoziale Mitbeurteilung (Differenzierung, nicht Psychologisierung) – Leitfragen ■ Gab es vor der Erkrankung Hinweise auf Angst, Depression, ASS, ADHS oder Schulvermeidung, ggf. Zeichen für ein PDA (pathological demand avoidance)? ■ Sind die aktuellen Symptome neu aufgetreten und zeitlich mit der körperlichen Erkrankung verknüpft? ■ Besteht eine Belastungsverschlechterung nach Aktivität (PEM), auch bei positiv erlebten Tätigkeiten? ■ Verbessern sich Symptome durch Ruhe und Reizreduktion? ■ Bestehen anhaltende depressive Symptome unabhängig von Belastung? ■ Angst- oder Vermeidungsverhalten ohne ausreichende somatische Erklärung? ■ Suizidgedanken oder Selbstverletzung? sofortige fachpsychiatrische Abklärung Hinweis: Psychische Symptome können reaktiv sein und schliessen PAIS nicht aus. Im Gegenteil: Eine Überlappung ist häufig zu beobachten. Aktivierende Therapieansätze sollten bei Auftreten einer PEM vermieden werden; Psychotherapie dient primär der Krankheitsbewältigung, Stabilisierung und Unterstützung. 1. Erstkontakt und Triage (Praxis, Telefon oder Video) ■ Symptome: > 4–12 Wochen persistierende Symptome nach Infekt (SARS-CoV-2 oder anderer Trigger) ■ Post-Exertional Malaise (PEM)? (verzögerte Symptomverschlechterung typischerweise innerhalb von 12–48 h nach geringer körperlicher, kognitiver oder sensorischer Belastung) ■ Funktion eingeschränkt? (Schule, Alltag, Selbstversorgung) ■ Orthostatische Symptome (besteht ein PoTS)? (Schwindel, Palpitationen, Besserung im Liegen) Besonderheit bei haus-/bettgebundenen Kindern: • Erstkontakt bevorzugt telefonisch oder per Video • Reizexposition, Wege und Wartezeiten konsequent vermeiden 2. Anamnese und klinische Einschätzung ■ Leitsymptome: Fatigue, PEM, Brain Fog, Schlafstörungen, Schmerzen, Dyspnoe, Palpitationen, GI-Symptome ■ Schulabsenzen und Alltagsfunktion (z. B. Bell-Skala) ■ Baseline definieren: «aktive Minuten/Stunden pro Tag ohne Crash», Stundenplan ■ Psychiatrisch-psychologisches Screening (Differenzierung, nicht Psychologisierung) Besonderheit bei haus-/bettgebundenen Kindern: ■ Ziel: rasche Triage, sichere Führung, Vermeidung von PEM und Chronifizierung durch professionelles und koordiniertes ambulantes Helfernetz.1 ■ Grundsatz: • PAIS / Long COVID / ME/CFS sind klinische Diagnosen anhand definierter Kriterien (CCC, IOM, Rowe2, Jason3) mit gezieltem Ausschluss relevanter Differenzialdiagnosen gemäss klinischem Bild. • Post-Exertional Malaise (PEM) ist das zentrale Leitsymptom und massgeblich für Diagnose, Schweregrad und Therapieplanung. Die Vermeidung einer PEM steht daher an erster Stelle. • Pacing/Energiemanagement ist frühzeitig einzuleiten mit dem Ziel der Stabilisierung innerhalb der individuellen Belastungsgrenze, nicht der kurzfristigen Aktivitätssteigerung. (siehe separater Leitfaden Pacing in dieser Ausgabe)
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