MENSCHEN FOKUS ✺ Zenit | September 2026 25 Fanny Nüssli (59) und Mario Gsell (67) Kaltbach Keine zehn Meter liegen zwischen der Schiene und dem ehemaligen Bahnwärterhaus, das Fanny Nüssli und Mario Gsell vor 22 Jahren gekauft haben. Alle sechs Minuten donnert ein Zug vorbei. Doch die Eltern eines erwachsenen Sohnes sind sich einig: «Wir leben an einem extrem ruhigen Ort.» Tatsächlich ist das Haus ein kleines Paradies mit einem naturnahen Garten, freilaufenden Hühnern und unverbaubarer Aussicht. Längst haben sich die beiden daran gewöhnt, auf dem Balkon das Gespräch kurz zu unterSie leben seit 22 Jahren in einem Bahnwärterhaus zwischen den Bahnhöfen Wauwil und St. ErhardKnutwil: Fanny Nüssli und Mario Gsell. Sein Engagement für den Verein Pendelzug Mirage sei eine Win-win-Situation, sagt Ernst Lütolf: «Ich mache anderen eine Freude, und das erfüllt mich mit Zufriedenheit.» brechen, wenn ein Zug vorbeifährt. Dank Schallschutz- fenstern ist drinnen nur ein leises Rauschen zu hören. Den- noch: «Wer an der Schiene wohnt, muss den Zug gern- haben», sagt Fanny Nüssli. «Und das tun wir.» Ihr eigenes Leben hingegen sei nicht wie auf Schienen ver- laufen. «Wir haben immer mal die Weichen neu gestellt», sagt Mario Gsell, der über verschiedene Berufe zum Jour- nalismus kam. Fanny Nüssli machte sich mit über 50 selbst- ständig. «Der günstige Hauspreis gab uns den Freiraum für solche beruflichen Experimente», sagt sie. Ein Grund mehr, das 1890 erbaute Bahnwärterhaus zu mögen. Auch wenn schon wieder ein Zug vorbeifährt. Ernst Lütolf (76) Hofstatt «Spezialbillett für eine Fahrt mit dem Pendelzug Mirage» steht auf dem kleinen Kartonbillett. Es weckt Erinnerungen an die Zeit, als Kondukteure Fahrscheine mit der Lochzange entwerteten. «Manche unserer Gäste haben noch nie ein solches Billett gesehen», weiss Ernst Lütolf. Der pensionierte Lehrer engagiert sich seit vielen Jah- ren für den Verein Pendelzug Mirage. Das Ziel der rund 100 Aktiv- und Passivmitglieder: eine in die Jahre gekommene Zugkomposition unterhalten und Fahrten für bis zu 240 Personen anbieten – beispiels- weise vom Luzerner Hinterland ohne Umsteigen an den Einsiedler Weihnachtsmarkt. Im Frühling hat der 76-Jährige das Kassieramt abgegeben. «Seither putze ich Zugfenster und nehme Böden auf», sagt er augenzwinkernd. Doch Ernst Lütolf hilft noch immer in der Administration und sorgt auf den Fahrten mit seiner Gitarre für Stimmung. Daneben hütet er seine drei Enkelkinder, arbeitet in einem Rebberg mit, leitet die Sing- und Gitarrengruppe Hinterland und gibt Nachhilfe. Weshalb er dies einem ruhigen Rentnerleben vorzieht? «Es regt meine grauen Hirnzellen an, hält mich jung und erfüllt mich mit innerer Zufriedenheit.»
RkJQdWJsaXNoZXIy MjYwNzMx