Zenit | September 2026 IM ZENIT 11 überhängend, so blieb ich unverletzt.» Das fasziniere ihn übrigens beim Bergsteigen, ergänzt er: der kurze Moment zwischen Panik und totaler Konzentration. «Das sind Schlüsselmomente. Diese Erlebnisse prägten mich und haben mir auch in meinem Beruf geholfen.» Altern mit Konzept Bald wird er 80 Jahre alt. Noch immer ist er viel auf Achse, schreibt Bücher und hält Vorträge. Wehrt er sich mit Händen und Füssen gegen das Älterwerden? Nein, meint er, vielmehr setze er sich intensiv mit dem Altern auseinander. Aber auch das packt er strukturiert an, spricht von selektionieren, optimieren und kompensieren. Und fügt an, dass er versuche, emotionslos zu analysieren, was mit ihm passiere. Mit dem Klettern hat er zum Beispiel vor sechs Jahren aufgehört und auf Wanderungen umgestellt. Auch im Alter ist Benedikt Weibel einer, der einen Plan hat, ordnet, analysiert und darum drei Grundsätze definiert hat: «Das Wichtigste ist erstens, neugierig zu bleiben, und zweitens, nicht aufhören zu lernen. Der dritte Punkt ist Rhythmus, für mich bedeutet das heute ein Ausgleich zwischen Stress, Herausforderung und Erholung.» Dazu gehören täglich 10 000 Schritte und Muskeltraining, aber auch der Apéro mit seiner Frau bei einem Bier. Alkoholfrei, versteht sich. Über Gefühle, das zeigt sich, je länger das Gespräch dauert, spricht Benedikt Weibel nicht so gerne. Überhaupt sei Glück ja nur ein kurzlebiges Gefühl, das nur wenige Sekunden andauere, meint er. «Aber zufrieden, das bin ich.» Manchmal sogar noch etwas mehr, wie er dann doch noch verrät. Als sein Enkel Xeno ihm nach einer langen Wanderung im Diemtigtal sagte: «Ätti, ig ha di mega gärn», habe es ihn schon gerührt. Und fügt stolz an: «Auch bei den SBB gab es einige, die mich so nannten.» Benedikt Weibel (79) wuchs in Solothurn auf. Sein Vater war Buchdrucker und später techni- scher Direktor eines Druck- und Verlagsunternehmens. Weibel studierte an der Universität Bern Betriebswirtschaft, wo er 1977 pro- movierte. 1978 begann er seine Karriere bei den SBB als Sekretär des Präsidenten der Generaldirektion. 1993 ernannte ihn der Bun- desrat zum Chef der SBB. 2006, nach 14 Jahren, trat er als CEO zurück. Ein zentrales Projekt, das er verantwortete, war die Bahn 2000. Benedikt Weibel war bis 2008 Ver- waltungsrat bei der französischen Staatsbahn und von 2009 bis 2022 Aufsichtsratsvorsitzender des österreichischen privaten Bahnprojekts Westbahn. Zudem war er Euro-2008-Delegierter. Nach der SBB-Zeit war Weibel Professor für «Praktisches Mana- gement» an der Universität Bern. Ausserdem ist er Autor zahlreicher Sachbücher. Benedikt Weibel ist verheiratet und Vater dreier Kinder. Wer ist Benedikt Weibel auch in Alterszentren. «Ich liebe Bücher, weil man sich die Bilder, an-ders als bei Filmen, selbst machen muss. Das ist anregend und inspirierend.» Waghalsige Klettertouren Auf der anderen Seite ist er von Jugend auf fasziniert vom Bergsteigen. Mit 17 Jahren hat er mit 100 Franken im Hosensack Autostopp gemacht und meisterte im Bergell mit der Nordostwand des Piz Badile eine der schwierigsten Nordwände der Alpen. «Das war waghalsig, ja. Aber das wollte ich auch sein. Das kann man nicht erklären, es ist wohl ein Virus.» Später wurde er Berg- führer, führte über viele Jahre zahllose schwierige Touren durch. Während der SBB-Zeit ging er, wenn es die Agenda erlaubte, einmal pro Woche mit seiner Frau auf eine kleine Klettertour im Jura, um im Sommer bereit zu sein für grössere Herausforderungen. Das alles tönt nach einem, der einfach unerschütterlich ist, nach einem, der nie aus der Spur kommt. Benedikt Weibel schüttelt den Kopf. Nein, er sei nie entgleist, versichert er. «Ich konnte auch während der schwierigsten Phasen immer schlafen. Geholfen hat mir zudem mein kurzer Powernap über Mittag.» Dann, nach kurzem Überlegen, doch noch etwas, das ihn erschüttert hat. Die Scheidung seiner ersten Ehe in jungen Jahren. «Das hat mich damals extrem belastet und war eine schwierige Zeit.» Aber Benedikt Weibel wäre nicht der, der er ist, wenn er nicht daraus gelernt hätte. «Meine Erkenntnis daraus war: nie mehr so etwas erleben.» Glück als Wegbegleiter Bald wird er den 50. Hochzeitstag mit Verena feiern. Er habe so viel Glück gehabt im Leben, dafür sei er dankbar. «Beim Klettern hatte ich unzählige Male einen Schutzengel.» Einmal, so erinnert er sich, sei er 30 Meter tief gefallen, bis ihn das Seil aufgefangen habe. «Zum Glück war die Wand
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