6 Zenit | Juni 2026 IM ZENIT ASTRID BOSSERT MEIER Plopp. «Äs schmöckt noch Wy», sagt Art Furrer mit schelmischem Lächeln, als er am Korken riecht. Obwohl er nur noch Konturen wahrnimmt, öffnet er die Flasche Heida mit sicherer Hand. Der 89-Jährige sitzt auf dem Sofa seiner modernen, barrierefreien Wohnung. Auf dem Sessel daneben Ehefrau Gerlinde, um deren Hand er vor 60 Jahren unter der Freiheitsstatue in New York anhielt und die ihm seither treu zur Seite steht. Doch dazu später. Umzug ins neue «Basislager» Vor einem Jahr ist das Paar in eine Dreizimmerwohnung des Seniorenzentrums Naters gezogen. Der Umzug hinunter ins Tal war schwer. Die Riederalp war ihr Zuhause. Inmitten des eindrücklichen Aletschgebiets hatte Art sein Hotelimperium aufgebaut und den Ort geprägt. Hier wuchsen die drei Kinder auf. Doch die Jahre vergehen, und das Leben verändert sich. Als Sohn Andreas von geplanten Alterswohnungen in Naters hörte, meinte er, jetzt sei der richtige Zeitpunkt für eine praktische, zentrale Wohnung. «Für uns beide war es bei Weitem nicht das Richtige», erinnert sich Art Furrer. Doch «die Vernunft obsiegte» und sie reservierten eine Wohnung. Je näher der Zügeltermin rückte, desto schwerer wurde das Herz. Geholfen hat ein Perspektivenwechsel: «Wir sag- ten, jetzt ist halt diese Wohnung in Naters unser Basislager», formuliert es Art Furrer im Bergführerjargon. Und wenn es im Tal zu eng oder zu heiss wird, bleibt noch immer «Lager 1» in der Ferienwohnung Zermatt oder «Lager 2» auf der Riederalp. Ein Jahr ist seit dem Umzug vergangen. Heute sagt Art Furrer: «Der Entscheid war goldrichtig.» Die hindernisfreie Wohnung sei praktisch, die Spitex nahe, das tägliche ViergangMenu im hauseigenen Restaurant köstlich, die wöchentliche Wohnungsreinigung willkommen. «Und das Beste: Die Mitarbeitenden sind aus- serordentlich freundlich und warmherzig.» Er, der jahrzehntelang Gäste umsorgte – Bundesrat Ogi auf den Dom führte, mit Fürst Albert von Monaco den Aletschgletscher besuchte oder die spanische Königsfamilie bewirtete – weiss, wie anspruchsvoll die Gastgeberrolle ist. «Früher musste ich auch mal auf Befehl lachen. Jetzt bin ich frei. Ich war noch nie ein so freier Mensch wie heute.» Mit dem Sehverlust leben Nun wird es höchste Zeit, den Heida zu kosten. «Einschenken kann ich nicht mehr, sonst verschütte ich ihn», sagt Art Furrer und reicht die geöffnete Flasche weiter. Der graue und der grüne Star haben ihm den Grossteil seiner Sehkraft geraubt. Er erinnert sich an den Moment, als ihm der Augenarzt eröffnete, er könnte ganz erblinden. «Das hat mich schon getroffen. Aber den Kopf lasse ich deswegen nicht hängen. Der Mensch kann sich an vieles gewöhnen, wenn er will.» Und Art will. Er konzentriert sich auf das, was möglich ist, setzt sich Ziele, die er mit Geduld und Disziplin angeht – etwa anstelle des Lifts die Trep- pe bis zur Wohnung im vierten Stock zu nehmen. «An manchen Tagen schaffe ich 700 Stufen.» Väterliche Wilderer-Grundsätze Dieser Fokus aufs Positive, aber auch die Fähigkeit, hartnäckig Ziele zu verfolgen, zeichnen ihn aus. Dazu kommt eine gesunde Portion Kühnheit, die ihm sein Vater mitgab. Zusammen mit einem Bruder wuchs Arthur – so sein Taufname – im kargen Walliser Bergdorf Greich auf 1360 Meter über Meer auf. Sein Vater, Tagelöhner, «zudem ein aussergewöhnlich guter Jäger und ein doppelt so guter Wilderer», lehrte die Grundsätze des Jagens: «Ers- tens das Tier und seine Gewohnheiten genau studieren. Zweitens am frühen Morgen als erster Jäger am richtigen Ort sein. Und drittens treffen, wenn die Gämse vor dir steht. Sonst ist aller Aufwand für nichts.» Diese drei Prinzipien prägten Art Furrers Lebenskonzept: den gesellschaftlichen Wandel wahrnehmen, zur rechten Zeit am rechten Ort sein und zugreifen, wenn sich Chancen bieten. Viel zu früh verloren die Söhne den Vater. Ausgelöst durch die Arbeit im Tunnelbau starb er an einer Staublunge, als Art 13 Jahre alt war. Die Familie musste den Gürtel noch enger Sein Cowboyhut machte ihn einzigartig. Heute lebt Art Furrer (89) gemeinsam mit Ehefrau Gerlinde (85) im Seniorenzentrum Naters VS. Der Vater des Trickskifahrens, Bergführer, Hotelier und Medienstar ist fast blind. Er hadert nicht. Stattdessen setzt er sich mutig neue Ziele. So wie er es in seinem unkonventionellen Leben stets getan hat. Mann mit Prinzipien Fotos: Raphael Hünerfauth
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