Zenit | Juni 2026 26 Zwischen 1900 und heute war das Tessin Zufluchtsort für Freidenkende, Austragungsort harter Arbeitskämpfe, ein Beispiel helvetischer Kohäsion und Garant für Lebensqualität. Sehnsuchtsort Tessin VON WALTER STEFFEN* Um 1900 wurde Ascona zum Treffpunkt von Lebensreformern, Pazifisten, Künstlern, Schriftstellerinnen und An- hängern eines neuen Weges zwischen Kapitalismus und Kommunismus. Sie entspannten sich auf dem Monte Verità mit Eurythmie und Nacktbaden, lebten nahe den Elementen und ernährten sich nur von Wildkräutern und -pflanzen, Gemüse und Früchten. Die angestreb- te Gesellschaftsform der frühen Hippie- Kolonie ist als privatbesitzfreie, urchrist- lich-kommunistische Gemeinde zu umschreiben. Bekannte Mitbewohnen- de waren u. a. Hermann Hesse, Else Las- ker-Schüler, Hans Arp, Alexej Jawlens- ky und Marianne von Werefkin. Das Tessin war aber auch Zufluchtsort für Freidenker und politische Rebellen. Der Anarchist Bakunin kaufte sich in Minusio eine Villa und die russische Pianistin und Baronin Antoinette de Saint Léger erwarb 1885 die BrissagoInseln. Hat Bern die Tessiner gern? Bundesbern und die Armeeführung behandelten das Tessin oft paternalistisch-abwertend. Im Ersten Weltkrieg reservierte die Bundesregierung den im Tessin geliebten argentinischen Mais zur Fütterung des Viehs nördlich der Alpen. Das Wohl der Schweine hatte Vorrang vor den Tessiner Essgewohnheiten. Der Protest der Tessiner Dr. phil. Walter Steffen* (*1945) unterrichtete Geschichte, Italienisch und Englisch an den Lehrerseminarien Luzern und Hitzkirch und leitet Exkursionen von Pro Senectute Kanton Luzern. Regierung wurde ignoriert. Auch General Wille hielt nicht viel von den Tessiner Soldaten. Dabei standen die Tessiner immer stramm zur Schweiz, was der von Faschisten angezettelte «Marsch auf Bellinzona» bezeugt: Am 25. Januar 1934 marschierte ein Grüpp- chen von etwa sechzig bewaffneten Demonstranten auf den Regierungspalast zu. Empfangen wurden sie dort von etwa vierhundert Antifaschisten, die vor den verschlossenen Türen des Parlamentsgebäudes standen. Ausser Raufereien geschah nichts. Im Tessin hatte die faschistische Ideologie keine Chance. Die Schriftstellerin Aline Valangin (1889–1986) wurde berühmt für ihre Gastfreundschaft gegenüber verfolgten Literaten. Sie erwarb 1929 in Comologno im Onsernonetal den Palazzo La Barca. In Zürich wie im Tessin bot sie Emigranten Unterschlupf, so etwa Ignazio Silone oder Kurt Tucholsky. Wirtschaftliche Probleme Das Stahlwerk Monteforno in Bodio wurde 1946 gegründet. 1971 zählte es 1750 Beschäftigte und war das grösste Industrieunternehmen im Kanton. 1977 wurde Monteforno durch die Firma Von Roll übernommen, die schrittweise Arbeitsplätze abbaute. Unter massiven Protesten der Beleg- schaft und Vertretern der Region beschloss Von Roll 1994, den Betrieb einzustellen. Die Gewerkschaften strebten den Verkauf der Werke an, um mit einem neuen Eigner die letz- ten 340 Arbeitsplätze zu retten. Von Roll bot keine Hand dazu und schloss das Werk am 31. Januar 1995. Bereits ein Jahr vor der Schliessung von Monteforno wies die Region Tre Valli mit 9 Prozent die weitaus höchste Arbeitslosenquote der Schweiz auf. Ein Kanton probt den Aufstand Die SBB, die PTT, die Armee, der Zoll und die Banken gehören zu den gröss- ten Arbeitgebern im Tessin. Im März 2008 schockiert die SBB-Direktion plötzlich alle Tessiner: Die Werkstätten von SBB-Cargo in Bellinzona sollen aufgelöst werden. Die Antwort der 430 Arbeiter ist unerwartet klar: Sie begin- nen einen der längsten und härtesten Streiks der letzten Jahrzehnte und wer- den im Kampf um ihren Arbeitsplatz von einer unglaublichen Solidaritätswelle getragen. Die Streikenden nutzen den 19. März, den «Seppitag» (San Giuseppe Lavo- ratore), zu einem Ausflug nach Bern. Dort tagt der Nationalrat. Die macht- volle Demo vor dem Bundeshaus April 1907: Autor Hermann Hesse (Fünfter v. l.) unter- zog sich einer Kur auf dem Monte Verità und befreundete sich dort mit Künstlerinnen und Künstlern.
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