KINDERÄRZTE.SCHWEIZ 3/2026

FORTBILDUNG: THEMENHEFTTEIL 03 / 2026 KINDERÄRZTE. SCHWEIZ 38 DR. DANIEL F. BRANDL, PhD HISTORIKER, GESCHÄFTSFÜHRER KINDERÄRZTE SCHWEIZ, DIETIKON Korrespondenzadresse: daniel.brandl@kis.ch Wer das Wort «Tuberkulose-Sanatorium» hört, denkt unweigerlich an Thomas Manns Zauberberg (1924). Seit seinem Erscheinen vor rund hundert Jahren prägt der Roman unsere Vorstellung von Davos als Ort der Krankheit, der Heilung und des Stillstands der Zeit. Manns Held Hans Castorp verbringt sieben Jahre in einem Davoser Sanatorium und wird Zeuge der geistigen und politischen Spannungen Europas vor dem Ersten Weltkrieg. Der Zauberberg ist weit mehr als die Geschichte eines Kranken: Er ist Panorama der Belle Époque und Röntgenbild ihrer Abgründe. Und doch fehlt im Zauberberg etwas Auffälliges: Kinder kommen kaum vor. Das Sanatorium erscheint als abgeschlossene Welt der Erwachsenen, losgelöst von Familie und Kindheit. Dabei wurden in Davos über Jahrzehnte hinweg zahlreiche Kinder und Jugendliche behandelt. Ihre Geschichte ist heute weit weniger bekannt als jene der berühmten erwachsenen Lungenkranken. Der Zauberberg Jenseits des Zauberbergs: Lungenkranke Kinder in Davos denlang lagen die Patient:innen, oft selbst im Winter, auf den nach Süden ausgerichteten Anlagen. Auch bei Kindern beschränkte sich die Behandlung nicht auf Bettruhe. Sie verbrachten viele Stunden im Freien; Sonnenbäder, Bewegung und Aufenthalte an der frischen Bergluft gehörten auch während der kalten Jahreszeit zum Alltag der jungen Patient:innen. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert gehörte die Tuberkulose zu den gefürchtetsten Infektionskrankheiten Europas. Die «Schwindsucht» forderte Millionen Todesopfer und traf besonders häufig junge Menschen im Alter von 15 bis 30 Jahren. Viele infizierten sich bereits im Kindesalter – meist innerhalb der Familie. Während die meisten Infektionen latent blieben, konnten Kinder schwer erkranken, etwa an einer Miliartuberkulose oder einer tuberkulösen Meningitis. Noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein kam die Diagnose Tuberkulose für viele einem Todesurteil gleich. Antibiotika gab es noch nicht. Die Medizin verfügte nur über wenige wirksame Behandlungsmöglichkeiten. Hoffnung setzte man auf Ruhe, gute Ernährung, Sonnenlicht und frische Luft. Hier begann die aussergewöhnliche Geschichte von Davos. Der Davoser Arzt Alexander Spengler trug ab den 1860er-Jahren wesentlich dazu bei, die heilklimatischen Eigenschaften von Davos bekannt zu machen. Zeitgenossen führten die vergleichsweise geringe Verbreitung der Tuberkulose unter der einheimischen Bevölkerung auf das Hochgebirgsklima mit trockener Luft, intensiver Sonneneinstrahlung und einer Höhenlage von rund 1600 Metern zurück. Davos entwickelte sich in der Folge in atemberaubendem Tempo vom abgelegenen Bergdorf zum bedeutendsten Lungenkurort Europas. Frische Luft, Ruhe und Sonnenlicht galten vor der Einführung wirksamer Antibiotika als die wichtigsten Waffen gegen die Tuberkulose. Auch wenn diese Massnahmen die Tuberkulose nicht heilen konnten, gelten ausreichender Schlaf, Bewegung und gute Umweltbedingungen bis heute als wichtige Voraussetzungen für die Gesundheit der Atemwege. Die berühmten Liegeterrassen und Liegehallen – eine Mischung aus Veranda, Balkon und Schlafsaal im Freien – wurden zum Symbol der Sanatoriumsmedizin. StunKinder waren jedoch keine kleinen Erwachsenen. Sie benötigten neben medizinischer Behandlung auch Schule, Spiel und soziale Kontakte. Deshalb entstanden in Davos spezielle Kinderheilstätten wie das Kindersanatorium Albula, die Kinderheilstätte Pro Juventute (später Alpine Kinderklinik Davos), im Volksmund ‹Tutti› genannt, sowie weitere Einrichtungen für lungenkranke Kinder, darunter das Kindersanatorium Friedberg unter der Leitung von Dr. Erna Spiro-Gyr, und das Schulsanatorium Fridericianum. Liegeterrasse eines Davoser Sanatoriums Frische Luft und Sonnenlicht galten vor der Einführung wirksamer Antibiotika als zentrale Elemente der Tuberkulose-Behandlung. Liegekabinen auf dem Dach des Sanatoriums Valbella Speziell konstruierte Liegekabinen ermöglichten den Patient:innen stundenlange Aufenthalte an frischer Luft und in der Sonne. Bildnachweis: Sämtliche historischen Fotografien stammen aus dem Archiv des Medizinmuseums Davos und werden mit freundlicher Genehmigung des Medizinmuseums Davos veröffentlicht.

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