KINDERÄRZTE.SCHWEIZ 3/2026

03 / 2026 FORTBILDUNG: THEMENHEFTTEIL KINDERÄRZTE. SCHWEIZ 25 Ambulant erworbene Pneumonie (community-acquired pneumonia, CAP) Klinische Diagnose Risikofaktoren • Alter <3 Monate • Immundefizienz oder -suppression • Lungenerkrankung • St.n. schwerer oder wiederholter Pneumonie • Sichelzellanämie • Kongenitaler Herzfehler • Neuromuskuläre Erkrankung Komplikationen Lokal: • Pleuropneumonie • Nekrotisierende Pneumonie • Pneumatozele • Lungenabszess Systemisch (extrapulmonal): • Bakteriämie, Sepsis • Hämolytisch-urämisches Syndrom • Neurologische Symptome (z.B. Enzephalitis) Schweregrad nicht-schwer mittelschwer – schwer • Stark reduzierter Allgemeinzustand • Lethargie, Vigilanzminderung • Rekapillarisierungszeit >2 Sekunden • Dyspnoe, Apnoe, Zyanose • Hypoxämie (SpO2 <90%) • Nahrungsverweigerung, Erbrechen, Dehydratation Ambulant Amoxicillin p.o. (ggf. “watchful waiting”) Follow-up nach 48–72 h Kein Ansprechen •Komplikationen •Falsche Diagnose •Penicillin-Resistenz Keine Erregerdiagnostik M. pneumoniae ? • Alter >5 Jahre • Husten/Fieber >6 Tage • CRP/PCT normal oder leicht erhöht • Hautbeteiligung • Familie mit Atemwegssymptomen •V.a. M. pneumoniae AZ gut (unkompliziert): 1. “watchful waiting” 2. Follow-up nach 48–72 h Mukokutane Reaktionsformen (RIME): • M. pneumoniae-induced rash and mucositis (MIRM) Stationär • Soziale Indikation • Unsicherheit über Diagnose AZ reduziert: 1. PCR (Bestätigung) 2. Clarithromycin p.o. (<8 Jahre) Doxycyclin p.o. (≥8 Jahre) Abbildung 4. Algorithmus zum Management der CAP bei Kindern und Jugendlichen. Der diagnostische und therapeutische Pfad für die Mycoplasma pneumoniae-CAP ist violett hervorgehoben. Bei klinischer Verschlechterung während des «watchful waiting» ist eine umgehende bzw. zeitnahe ärztliche Reevaluation erforderlich. Details zur Dosierung und Dauer der Antibiotika-Therapie sind in Tabelle 2 aufgeführt. Abkürzungen: CRP, C-reaktives Protein; MIRM, M. pneumoniae-induced rash and mucositis; PCR, polymerase chain reaction; PCT, Procalcitonin; RIME, reactive infectious mucocutaneus eruption; SpO2, pulsoxymetrisch gemessene Sauerstoffsättigung (gemäss Meyer Sauteur et al.8). ten überwiegend immunvermittelten Pathogenese bei schweren Verläufen nach Ausschluss anderer Ursachen eine immunmodulatorische Therapie erwogen werden, beispielsweise mit Kortikosteroiden (z. B. bei Enzephalitis oder RIME) oder intravenösen Immunglobulinen (z. B. beim Guillain-Barré-Syndrom).3 Da Doxycyclin therapeutisch wirksame Konzentrationen im Zentralnervensystem erreicht, sollte es bei neurologischen Manifestationen als bevorzugtes Antibiotikum eingesetzt werden.3 Für Kinder und Jugendliche mit RIME ausgelöst durch M. pneumoniae haben wir zudem kürzlich eine praxisorientierte Management-Empfehlung publiziert: cdn-links.lww.com/permalink/inf/g/ inf_2025_08_22_sauteur_pidj-25-451_ sdc1.pdf3 Ein wesentlicher Grund für die unzureichende Evidenz für einen klinischen Nutzen einer antibiotischen Therapie bei M. pneumoniae-CAP ist, dass die in bisherigen Studien eingesetzten diagnostischen Tests (PCR und Serologie) nicht zuverlässig zwischen asymptomatischer Kolonisation und akuter Infektion unterscheiden können.10,21–23 Angesichts der weltweit zunehmenden Makrolidresistenz bei M. pneumoniae besteht ein dringender Bedarf an qualitativ hochwertigen Therapiestudien. Einen vielversprechenden Ansatz verfolgt die seit 2025 in der Schweiz laufende MYTHIC-Studie (mythic-study.ch). Dabei handelt es sich um eine randomisierte, doppelblinde, Placebo-kontrollierte Multicenter- Studie, welche den Nutzen einer Therapie mit Makroliden (Azithromycin) im Vergleich zu Placebo bei Kindern und Jugendlichen mit M. pneumoniae-CAP untersucht. Die Wahl von Azithromycin als Studienmedikament erfolgte aus praktischen Gründen, da es im Vergleich zu Clarithromycin geschmacklich besser akzeptiert wird und nur einmal täglich verabreicht werden muss, was (nur) im Rahmen einer klinischen Studie für die Compliance essenziell ist. Im Gegensatz zu früheren Studien wird bei der MYTHIC-Studie eine Abgrenzung zwischen Kolonisation und akuter Infektion mithilfe des ASC-ELISpot- Tests ermöglicht.24 Zusammenfassung Kaum ein anderer Erreger vereint ein derart charakteristisches epidemiologisches Verhalten, diagnostische Unsicherheit, therapeutische Kontroversen und ein so breites Spektrum extrapulmonaler Manifestationen wie M. pneumoniae. Die jüngsten globalen Ausbrüche haben die klinische Relevanz dieses Erregers eindrücklich bestätigt. Neue diagnostische Verfahren und laufende Therapiestudien haben das Potenzial, das Management in den kommenden Jahren wesentlich zu verbessern. ■ Tabelle 2. Empfohlene Antibiotika-Therapie für Mycoplasma pneumoniae-CAP bei Kindern und Jugendlichen. Abkürzungen: AZ, Allgemeinzustand. Indikation Substanz Dosierung (gemäss SwissPedDose: db.swisspeddose.ch) Dauer AZ gut (unkompliziert) «Watchful waiting» – – AZ reduziert <8 Jahre Clarithromycin p.o. CAVE: Makrolid-Resistenz 7,5 mg/kg/Dosis 2× täglich (max. 1000 mg/Tag) 5 Tage AZ reduziert ≥8 Jahre Doxycyclin p.o. CAVE: Phototoxizität 1. Tag: 2 mg/kg/Dosis 2× täglich (max. 200 mg/Tag) Ab 2. Tag: 2 mg/kg/Dosis 1× täglich (max. 100 mg/Tag) 5 Tage Patientenalter und von der Therapiedauer eingesetzt werden. Gemäss SwissPedDose (db.swisspeddose.ch) wird jedoch weiterhin empfohlen, Doxycyclin bei Kindern <8 Jahren nur bei ausgewählten Indikationen, fehlenden Therapiealternativen und nach Rücksprache mit einer pädiatrischen Infektiologin bzw. einem pädiatrischen Infektiologen anzuwenden. Daher wird Doxycyclin bei M. pneumoniae-CAP im Alter <8 Jahren derzeit noch nicht als Standardtherapie empfohlen, sofern Makrolide als Behandlungsalternative zur Verfügung stehen. Bei Anwendung von Doxycyclin sollte auf das Risiko einer Photosensibilisierung (einschliesslich einer distalen phototoxischen Onycholyse) hingewiesen werden.20 Bei extrapulmonalen Manifestationen durch M. pneumoniae (siehe Tab. 1) sollte aufgrund der vermute-

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