KINDERÄRZTE.SCHWEIZ 1/2026

01 / 2026 FORTBILDUNG: THEMENHEFTTEIL KINDERÄRZTE. SCHWEIZ 25 gen, einen Schritt zurückzutreten und sich Zeit zu nehmen, um eine kluge Entscheidung zu treffen. Weiter machen sie Sinn, wenn es angesagt ist, bei realer Gefahr schnellstmöglich wegzulaufen oder zu kämpfen. Wertvoll sind sie, wenn sie raten, sich aus etwas herauszuhalten. Ungünstige Konsequenzen haben Sorgen dann, wenn angstgeprägte elterliche Vorbilder für Kindersorgen verantwortlich sind, oder wenn Kinder zementierende Zuschreibungen erleben, wie «in unserer Familie sind alle Angsthasen». Kinder mit ausgeprägten Imaginationsfähigkeiten sind äusserst kreativ darin, sich Sorgen zu machen – zu dieser Gruppe gehören Kinder mit ADHS. Auch Kinder, die hohe Erwartungen an die Vorhersehbarkeit des Alltags haben und perfektionistisch sind, sorgen sich oft. Ebenso können von elterlicher Angst und Überbehütung geprägte Familiensysteme infektiös wirken. Die elterliche Übervorsicht, zwar gut gemeint, verunsichert und bremst Kinder beim experimentellen Erfahrungslernen. Der Drang nach Selbstständigkeit wird beschnitten, und Angst wird zum ständigen Begleiter. Wenn Angst Oberhand gewinnt Unerwartete Erlebnisse, wie ein am Körper hochspringender Hund, können lähmende Furcht und Gefühle von Hilflosigkeit auslösen. Weil das Ereignis emotional und physisch als überwältigend erlebt wurde, kommt es zu einer erhöhten Alarmbereitschaft der Amygdala. Später kann nur schon die Bewegung eines weit entfernten Hundes Fehlalarm in der Amygdala auslösen. Überwältigende Erlebnisse, die mit Kontrollverlust und/ oder emotionalen und/oder physischen Verletzungen einhergehen – zum Beispiel im Kontext medizinischer Behandlungen, Naturkatastrophen, Flucht oder Krieg – sind verantwortlich für Angst im Kontext von Traumaerlebnissen. Überhandnehmende Angst wirkt sich auf Emotionen, Kognition, Körper und Verhalten aus. Angstdialog Kinder mit Angststörungen nehmen ihre Welt als bedrohlichen, überfordernden Ort wahr. Sie unterschätzen ihre Coping-Strategien und führen negative, repetitive, alarmierende Selbstgespräche. Sätze wie «oh nein, das kann ich eh nie» kennen sie auswendig.2 Ein solcher «Angstdialog» führt zu Vermeidungsverhalten, weil es so gelingt, Gefühlen von Inkompetenz, Überwältigung und Verängstigung auszuweichen. Diese Vermeidungsstrategie greift kurzfristig, doch langfristig hält sie das Problem aufrecht und zementiert Angstmuster. Dimension Präsentationsmuster Emotionen Ängstlichkeit, Erschöpfung, Mutlosigkeit, Traurigkeit, Überforderung, Wut Kognition «Was, wenn …?»-, «Oh nein …!»-Gedanken Globalisieren: «Ich weiss nie, was ich sagen soll» Katastrophisieren: «Ich werde sicher von einer Biene gestochen.» Körper Appetitlosigkeit, Bauch-, Kopfschmerzen, Nausea, Tachypnoe, Schwindel Verhalten Gesprächsverweigerung, Rückzug, Schreien, Verkriechen, Vermeidungsverhalten Angstsymptom- Präsentation Bild: Child Anxiety, Dr David Postlethwaite, PhD, BSc, PGCE, davidpostlethwaite.co.uk. Mit freundlicher Genehmigung des Autors. Über Angst sprechen Es ist höchste Zeit, mit Kindern über «sich Sorgen machen» und «Ängste haben» zu sprechen. Eine einfache, sichere Art, mit dem Kind dazu ins Gespräch zu kommen, ist es, Dinge zu besprechen, die Kinder normalerweise erschrecken: etwa die Angst vor Dunkelheit oder vor Monstern. Es ist essentiell, dass die kindliche Angst anerkannt und Mitgefühl gezeigt wird. Das Sprechen über Angst erweist sich als kontraproduktiv, wenn einem ängstlichen Kind versichert wird, dass seine Ängste übertrieben sind – denn aus kindlicher Perspektive gibt es gute Gründe, weshalb das Gefühl und das Erleben so sind, wie sie sind. Mit der Aussage «ich kann verstehen, dass dir das Angst macht» fühlt sich das Kind gehört und verstanden. Erst die Anerkennung des Erlebens bildet die Grundlage, mögliche Lösungsstrategien zu besprechen. Nach dieser Anerkennung soll das Kind wissen, dass ihm zugetraut wird, mit der Situation klarzukommen. Die zuversichtliche Botschaft «ich weiss, dass du das schaffen kannst» ist der Schlüssel. Nun werden hoffnungsvolle Strategien gesät: «Wie wäre es, wenn du besser verstehen kannst, wie das mit Angst und Sorgen Mut-Zeichnung (10-jähriges Mädchen)

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