Zenit | September 2026 28 Ludwig II. von Bayern, Queen Victoria, Karl I. von Habsburg, Mark Twain, Winston Churchill, Sergei Rachmaninow – kaum ein Ort am Vierwaldstättersee hat so viel Prominenz beherbergt wie die idyllische Halbinsel Herten- stein in der Gemeinde Weggis. Hertenstein – ein Ort voller Geschichte(n) VON WALTER STEFFEN* Die Freiherren von Hertenstein waren einflussreiche Luzerner Adlige. Ur- sprünglich von einer gleichnamigen Burg bei Weggis stammend, kamen sie durch Heirat in den Besitz der reichen Herrschaft Buonas am Zugersee. Der Kleriker Peter von Hertenstein bewegte 1505 Papst Julius II. dazu, 150 Schwei- zer Söldner anzuwerben, bezahlt von den Fuggern aus Augsburg. Er gilt als Gründer der Schweizergarde, welche am 22. Januar 1506 offiziell ihre Auf- gabe antrat. Schultheiss Jakob von Hertenstein liess 1510 das Hertenstein-Haus am Kapellplatz in Luzern erbauen – mit dem harten Stein aus Hertenstein. Die- ses historische Juwel mit Fresken von Hans Holbein dem Jüngeren wurde 1828 abgerissen. Später stand hier ein hässlicher Betonbau (ABM) und heute ist es der sachliche Zweckbau neben dem Fritschibrunnen. Der «Märchenkönig» Ludwig II. von Bayern mietete 1868 das Dampfschiff «Waldstätter» für einen Monat. Er er- kundete die Urschweiz, oft in Beglei- tung von Richard Wagner, Friedrich Nietzsche und seiner Verwandten Queen Victoria von England. Er war derart begeistert von dieser romantischen Halbinsel, dass er Pläne für ein Lustschloss im Stile von Neuschwanstein erstellen liess. Das Projekt schei- terte, weil der damalige Landbesitzer zahlreiche Bäume abholzen liess, was den naturbegeisterten König ärgerte. Karl I. (1887–1922), der letzte Habsburger Kaiser Im Schlosshotel Hertenstein residierte 1921 die österreichische Kaiserfamilie. Gut zwei Jahre war Karl I. Kaiser von Österreich. Mitten im Ersten Welt- krieg und eher überraschend beerbte er den 1916 verstorbenen Franz Joseph. Sein ehemaliger Ministerpräsident Ernest von Koerber fällte ein vernichtendes Urteil über ihn: «Kaiser Karl ist 30 Jahre alt, sieht aus wie ein 20-Jähriger und denkt wie ein 10-Jähriger.» Seine zwei naiv inszenierten Staatsstreiche bestätigen dieses Urteil. Die Ironie der Geschichte: Der letzte Habsburger Kaiser suchte Asyl bei den Erzfeinden der Habsburger, den Eidgenossen. Der Empfang am Grenzbahnhof Buchs, wo sein Extra- zug mit über 100 Bediensteten 1919 eintraf, war entsprechend kühl. Eine zweitklassige Delegation des Bundes nahm Karl auf, unter der Bedingung, sich allen politischen Agitationen zu enthalten. Er hielt sich nicht daran. In totaler Fehleinschätzung seiner Lage reiste er am 14. April 1921 inkognito nach Budapest, um dort führende Politiker zu treffen. Er glaubte an eine fried- liche Machtübergabe der ungarischen Regierung an ihn. Ein zweiter Putsch scheiterte ebenfalls kläglich: Am 20. Oktober 1921 flogen Karl und Zita von Dübendorf aus nach Ungarn. Sie hatten ihren Bewacher, den Luzerner Wachmeister Fritz Huwiler, bestochen. In Budapest wurden sie gefan- gen genommen, per Schiff die Donau hinunter nach Istanbul ausgeschafft Das 1875 erbaute und 1943 durch die Armee gesprengte Schlosshotel Hertenstein. Hinter dem Hotel die Wald- lichtung, in welcher von 1909 bis 1921 Freilichttheater stattfanden. Kaiser Karl I., seine Frau Zita (1892–1989), Kronprinz Otto und drei weitere Geschwister. Weder Karl noch Zita haben je abgedankt und auf die Kaiserwürde verzichtet.
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