DAS GUTE KINDERBUCH FÜR DIE PRAXIS 03 / 2026 KINDERÄRZTE. SCHWEIZ 56 Illustrationen: Leo Timmers Verlag: aracari verlag ag Publikationsjahr: 2026 ISBN: 978-3-907114-41-4 Anzahl Seiten: 68 Seiten Altersempfehlung: ab 3 Jahren Kiki & ich Leo Timmers DR. MED. MATTHIAS FERRETTI MITGLIED REDAKTIONSKOMMISSION Korrespondenzadresse: m.ferretti@hin.ch Manchmal braucht es nur wenige Worte und grossflächige Bilder, um etwas Kraftvolles zu schaffen. Leo Timmers, der belgische Bilderbuchmacher, zeigt mit «Kiki & ich» erneut, warum er zu den bedeutendsten zeitgenössischen Illustratoren zählt. Das Buch, das 2025 erschien und an dem Timmers zwei Jahre arbeitete, ist kein klassisches Kinderbilderbuch im üblichen Sinne, es ist eher eine visuelle Elegie auf Freundschaft, Zeit und Loslassen. Wer die erste Seite aufschlägt, erwartet vermutlich die Geschichte eines Mädchens und ihres Pferdes. Timmers aber erzählt die Geschichte von innen heraus aus der Sicht von Polly, dem Pferd. Dies ist eine bewusste Wahl, die das ganze Buch transformiert. Während Kiki die Hauptfigur zu sein scheint, erleben wir die Welt durch die stillen, geduldigen Augen ihrer Gefährtin. Das schafft eine emotionale Asymmetrie: Kiki ist das Kind, das agiert und die Welt erkundet; Polly ist diejenige, die wartet, beobachtet und liebt. In den mittleren Seiten ist diese Beziehung rein und voller Leben. Doch je weiter man im Buch vorankommt, desto deutlicher wird der melancholische Kern: Kiki wird älter. Polly bleibt zurück, in ihrer Box, in ihrem Alltag, in ihrer Liebe, die plötzlich nicht mehr erwidert wird. Die Schwarz-Weiss-Zeichnungen wirken intim und nah, die farbigen Landschaften erscheinen filmisch und überwältigend. Dieser Wechsel zwischen den beiden Techniken ist rhythmisch durchdacht. Die Details der SchwarzWeiss-Szenen, Pollys Blick, ihre Ohren, die Bewegung ihres Körpers, wirken unmittelbar und persönlich. Die grossen Gemälde in Farbe zeigen stattdessen die Weite der Welt, die Schönheit der Natur, die Grösse der Momente, die Kiki und Polly teilen. Bei all diesen visuellen Elementen braucht Timmers nur wenig Text. Die Bilder erzählen, und der Text begleitet sie diskret. Das ist eine handwerkliche Meisterleistung. Was «Kiki & ich» besonders macht, ist, dass es ein universelles menschliches Erlebnis zur Sprache bringt, ohne Bild: aracari verlag ag dabei predigen zu wollen. Wer kennt nicht dieses Gefühl, wenn man realisiert, dass die Person, die man geliebt hat, plötzlich immer weniger Zeit für einen hat? Timmers zeigt das durch die Augen des Pferdes. Einer Kreatur, die nicht argumentieren kann, nicht verstehen kann, nur erleben. Das Buch ist für Kinder ab 3 Jahren gedacht, aber es spricht genauso zu Erwachsenen. Vielleicht sogar mehr. Ein Kind wird die Schönheit sehen und die Geschichte verstehen. Ein Erwachsener wird die Tiefe spüren; die Erkenntnis, dass Zeit etwas Kostbares ist, dass Präsenz ein Geschenk ist, dass Trennungen unvermeidlich sind, aber nicht das letzte Wort haben müssen. Was das Buch rettet vor völliger Wehmut, ist seine Schlussfolgerung. Ohne zu viel zu verraten. Es gibt ein Wiedersehen, eine Versöhnung, einen Moment, in dem klar wird, dass die Liebe nicht verloren geht, sondern sich verändert. Das ist kein billiges Happy End, sondern eher eine Aussage darüber, dass tiefe Bindungen ihre eigene Kraft haben, unabhängig von Zeit und Entfernung. Polly vergibt nicht nur, sie versteht vielleicht sogar, warum Kiki gehen musste. Leo Timmers hat mit diesem Werk gezeigt, dass Bilderbücher nicht einfach nur für Kinder sind. Sie können genauso literarisch und emotional komplex sein wie Romane. Die Nominierungen für den Hans Christian Andersen Award und den Astrid Lindgren Memorial Award 2026 sind mehr als verdient. Dieses Buch gehört in jedes Regal, ob bei Kindern, bei Pferdeliebhabern oder bei all denen, die verstehen, dass die tiefsten Gefühle oft am stillsten sind. «Kiki & ich» von Leo Timmers ist eine absolute Empfehlung. ■
RkJQdWJsaXNoZXIy MjYwNzMx