VERNETZUNG 01 / 2026 KINDERÄRZTE. SCHWEIZ 18 le Praxen und Spitäler sind nicht bewusst exklusiv, aber auch nicht aktiv inklusiv. Formulare, Anamnese, Sprache, fehlendes Wissen zu spezifischen Gesundheitsrisiken oder psychosozialen Belastungen – all das kann dazu führen, dass sich junge Menschen nicht gesehen fühlen. Gerade in vulnerablen Entwicklungsphasen kann das erhebliche Auswirkungen haben. Du sagst selbst, dass auch Fachpersonen mit guter Absicht oft unsicher sind. ■ Was fehlt aus deiner Sicht in der medizinischen Aus-, Weiter- und Fortbildung konkret? In der Aus- und Weiterbildung fehlt es sehr oft an systematischer Integration des Themas. Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt wird, wenn überhaupt, randständig behandelt. Es bräuchte verbindliche Lernziele, praxisnahe Fallbeispiele und Raum für Reflexion eigener Unsicherheiten. Viele Fachpersonen sind offen, ihnen fehlt jedoch strukturiertes Wissen und konkrete Handlungssicherheit. SAFE TO GROW und konkrete Umsetzung Mit SAFE TO GROW hast du ein eigenes Projekt lanciert. ■ Was ist die Vision hinter SAFE TO GROW, und welche Lücke möchtest du damit im Gesundheitswesen schliessen? SAFE TO GROW entstand aus der Beobachtung, dass zwischen guter Absicht und guter Versorgung eine Diskrepanz besteht. Unsere Vision ist ein Gesundheitswesen, in dem queere Kinder, Jugendliche und Regenbogenfamilien selbstverständlich respektvoll, kompetent und diskriminierungsfrei versorgt werden. Wir möchten diese Lücke durch gezielte Schulungen, Netzwerkbildung und wissenschaftliche Evaluation schliessen. Gemeinsam mit anderen NGOs entwickelst du Schulungen für medizinisches Personal. ■ Was dürfen Kinder- und Jugendärzt:innen von diesen Schulungen konkret erwarten? Die Schulungen sind praxisorientiert und modular aufgebaut. Kinder- und Jugendärzt:innen dürfen fundiertes Hintergrundwissen, konkrete Kommunikationsstrategien und rechtliche Einordnungen erwarten. Es geht nicht um Ideologie, sondern um klinische Relevanz, wie zum Beispiel: Wie stelle ich sensible Fragen? Wie gestalte ich Anamneseformulare? Welche Besonderheiten gibt es in der Betreuung von trans Jugendlichen oder Regenbogenfamilien? Ganz praktisch gefragt: ■ Welche drei Dinge können Kinder- und Jugendärzt:innen bereits heute in ihrer Praxis umsetzen, um queeren jungen Menschen, ihren Familien und Regenbogenfamilien ein sichereres und inklusiveres Umfeld zu bieten? Erstens: Offenheit zeigen und keine Angst vor Fehlern haben. Niemand erwartet Perfektion. Wichtig ist eine grundsätzliche Haltung von Respekt und Interesse – und die Bereitschaft, zuzuhören und dazuzulernen, wenn man etwas nicht richtig formuliert oder einschätzt. Zweitens: Strukturen und Materialien der Praxis auf Diversität überprüfen. Das betrifft Praxisformulare, die Website oder Informationsmaterialien. Kleine Anpassungen können hier viel bewirken: etwa statt «Mutter» und «Vater» neutral «Elternteil 1» und «Elternteil 2» zu verwenden oder bei Altersangaben auf geschlechtsspezifische Bezeichnungen zu verzichten. Was für heterosexuelle Familien oft kaum auffällt, kann für Regenbogenfamilien eine wiederholte emotionale Hürde darstellen – etwa jedes Mal ein Feld durchstreichen zu müssen, das nicht zur eigenen Familie passt. Drittens: Bereitschaft zeigen, Neues zu lernen und Verantwortung zu definieren. Regelmässige Fortbildungen zu Gender- und Sexualitätsfragen helfen, Sicherheit zu gewinnen. Zusätzlich kann es sinnvoll sein, in der Praxis eine verantwortliche Person für diese Themen zu benennen, die als Ansprechperson dient und Entwicklungen im Blick behält. Ausblick und Zukunft Wie stellst du dir deine berufliche Zukunft vor? ■ Ist eine eigene Praxis für dich eine realistische Option – und würdest du dort Inklusion bewusst als Schwerpunkt setzen? Alleine möchte ich nicht arbeiten, da ich den Austausch mit den Kolleg:innen sehr schätze. Deshalb wäre für mich eine Gemeinschaftspraxis durchaus eine realistische Option. Sollte ich diesen Weg gehen, würde ich Inklusion nicht als Nische, sondern als Qualitätsmerkmal verstehen. Eine inklusive Praxis ist letztlich eine gute Praxis für alle und nicht nur für queere Patient:innen. Gerne möchte ich dir an dieser Stelle auch eine Mitgliedschaft bei Kinderärzte Schweiz ans Herz legen. Im ersten Jahr nach bestandener Facharztprüfung haben neue Mitglieder die Möglichkeit, unseren Verband ein Jahr lang kostenlos kennenzulernen. Abschliessend: ■ Was wünschst du dir langfristig für das Schweizer Gesundheitswesen im Umgang mit queeren Kindern, Jugendlichen und ihren Familien? Langfristig wünsche ich mir ein Gesundheitswesen, in dem sexuelle und geschlechtliche Vielfalt kein «Spezialthema» mehr ist, sondern selbstverständlicher Bestandteil professioneller Kompetenz. Queere Kinder und Jugendliche sollen nicht Glück haben müssen, an die «richtige» Ärztin oder den «richtigen» Arzt zu geraten, sondern überall auf fachlich fundierte und respektvolle Versorgung zählen können. ■ Fortbildungshinweis KIS-Kurs «Sexualentwicklung in ihren Facetten» 20. November 2026 Zürich Der Kurs beleuchtet die kindliche und jugendliche Sexualentwicklung in ihren unterschiedlichen Facetten und bietet praxisnahe Impulse für den pädiatrischen Alltag. kis.ch/ Kursagenda- Ärztinnen
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