KINDERÄRZTE.SCHWEIZ 1/2026

01 / 2026 VERNETZUNG KINDERÄRZTE. SCHWEIZ 17 Dieses stereotype Schreckensbild hat Männer in queeren Kontexten lange begleitet, und ich vermute, dass dies einer der Gründe ist, warum es meiner Erfahrung nach nur sehr wenige offen queere Pädiater gibt.1 ■ Sind dir solche Spannungsfelder in deiner Ausbildung oder im Berufsalltag begegnet – und wie gehst du damit um? Ja, ich erlebe, dass solche latenten Ängste und Zuschreibungen nach wie vor existieren – meist nicht offen ausgesprochen, sondern subtil, aber dennoch deutlich spürbar. Offene Diskriminierung am Arbeitsplatz habe ich persönlich kaum erfahren; unterschwellige Vorannahmen oder stereotype Assoziationen begegnen einem jedoch durchaus. Das zeigt sich etwa in alltäglichen Situationen: Wenn man – sei es als Arzt oder ganz allgemein als schwuler Mann – ein Kind routiniert auf den Arm nimmt oder liebevoll berührt, kann dies – bewusst oder unbewusst – Blicke von aussen hervorrufen, aber auch bei einem selbst innere Irritationen auslösen. Diese sind weniger der Situation an sich geschuldet als der Frage, wie das eigene Handeln möglicherweise durch andere wahrgenommen und mit der eigenen sexuellen Orientierung verknüpft wird. Unweigerlich stellt sich dabei die Frage, ob heterosexuelle Männer oder Frauen in vergleichbaren Situationen ähnlich betrachtet würden – oder sich selbst in derselben Weise reflektieren müssen. Ich habe den Eindruck, dass solche Befürchtungen umso stärker werden, je ausgeprägter männliche Merkmale wahrgenommen werden. Gleichzeitig spielen kulturelle Unterschiede eine wichtige Rolle: In Ländern wie Portugal, wo körperliche Nähe gesellschaftlich selbstverständlicher ist, werden Berührungen im Alltag deutlich weniger problematisiert. Ich begegne dem mit Professionalität und Klarheit. Mir ist wichtig, nicht defensiv zu reagieren, sondern Präsenz zu zeigen. Sichtbarkeit allein wirkt oft stärker als jede theoretische Debatte. Bei der Vorbereitung wurde ich gefragt, ob wir in diesem Zusammenhang auch einen Blick auf lesbische Kinderärztinnen werfen sollten — etwa ob diese es möglicherweise «leichter» hätten, sich zu outen als ihre schwulen Kollegen. Ich kenne Kolleginnen in gleichgeschlechtlichen Beziehungen; einige berichten, dass sie im Alltag teils leichter als heterosexuell wahrgenommen werden als schwule Männer entsprechend beurteilt werden. In der Pädiatrie kenne ich persönlich mehr schwule Männer als lesbische Kolleginnen, was auch mit strukturellen Unterschieden zwischen Fachrichtungen zusammenhängen dürfte. Grundsätzlich gilt jedoch: Wir können nur über eigene Erfahrungen sprechen. Jede Biografie ist individuell, und pauschale Aussagen über «leichter» oder «schwieriger» greifen zu kurz. Manche queere Menschen outen sich immer wieder im Alltag – andere entscheiden sich bewusst dagegen. Mister Gay Europe und öffentliche Resonanz ■ Was hat dich motiviert, für den Titel Mister Gay Europe zu kandidieren – und was wolltest du mit deiner Kandidatur erreichen? Meine Motivation für die Kandidatur war zweigleisig: Einerseits wollte ich zeigen, dass ein Kinderarzt offen schwul sein und gleichzeitig für Professionalität, Verantwortung und gesellschaftliches Engagement stehen kann. Andererseits wollte ich die Themen queerer Jugendlicher im Gesundheitswesen stärker ins öffentliche Bewusstsein bringen. Die Plattform von Mister Gay Europe bot die Möglichkeit, diese beiden Motivationen in einen gesellschaftspolitischen Kontext zu stellen. ■ Nach deinem Sieg standest du plötzlich in der Öffentlichkeit. Wie waren die Reaktionen? Überwiegend sehr positiv – privat wie beruflich. Familie, Freundeskreis, Kolleg:innen und Patient:innen reagierten unterstützend und wertschätzend, privat oft emotionaler, beruflich eher sachlich. Der Titel wurde für mich zur Plattform, um Themen sichtbar zu machen. Neben viel Zuspruch gab es vereinzelt negative Kommentare, besonders online, die ich bewusst nicht in den Vordergrund stelle. ■ Welche Verantwortung empfindest du – und wo ziehst du Grenzen? Ich sehe eine Verantwortung gegenüber queeren Jugendlichen, bleibe aber in erster Linie Kinderarzt. Meine Glaubwürdigkeit beruht auf medizinischer Kompetenz und persönlicher Erfahrung – nicht auf politischem Aktivismus. Queere Jugendliche im Gesundheitswesen Studien zeigen, dass ein relevanter Teil von LGBTPersonen Diskriminierung im Gesundheitswesen erlebt.2 ■ Wo siehst du aus pädiatrischer Sicht die grössten Defizite im Umgang mit queeren Kindern, Jugendlichen und ihren Familien? Die grössten Herausforderungen sehe ich weniger in offener Ablehnung als in struktureller Unsicherheit. VieFoto: Rowin Dreef

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