KINDERÄRZTE.SCHWEIZ 2/2025

FORTBILDUNG: THEMENHEFTTEIL 02 / 2025 KINDERÄRZTE. SCHWEIZ 36 DR. MED. RAFFAEL GUGGENHEIM FACHARZT FÜR KINDER- UND JUGENDMEDIZIN, MITGLIED REDAKTIONSKOMMISSION, KINDERARZTPRAXIS FRIESENBERG, ZÜRICH Korrespondenzadresse: dokter@bluewin.ch «Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für das Auge unsichtbar»1 Zum Begriff der Kordiologie in der Kardiologie sche Sichtweise beschränken. Frank Nager, selbst ein begnadeter Kliniker und Lehrer an der Universität Zürich, hat immer die erweiterte Bedeutung des Herzthematik in die Betrachtungsweise für Studierende und Assistenzärzt:innen einfliessen lassen, und ich werde euch dies im Sinne einer Tour d’Horizon aufzeigen. Das Herzsymbol ist in der modernen Kommunikation nicht wegzudenken. Es ist das omnipräsente Zeichen für emotionale Bedeutung zu einem Ort oder einer Gruppe, z. B. «I KIS». Ebenso ist es eines der wichtigsten Emojis überhaupt und wird in vielen Varianten gebraucht, um Zuneigung, Liebe und die emotionale Bedeutung einer Text-Message zu unterstreichen. Schon seit jeher war das Herz ein emotionales und auch lebensbedeutsames Organ. Sei es bei den Ägyptern, welche das Herz «gewogen» haben, den Babyloniern, welche im Gilgamesch-Epos das Herz singen lassen, in der chinesischen Kultur, welche eigene Schriftzeichen für das Herz und damit verbundene Emotionen kennt, bis hin zur hebräischen Bibel, wo es «sich verhärtete» oder gar zu einem «Herz aus Stein» wurde. Während bei Plato das Herz die Funktion eines «Wachtpostens» hat, um den Weisungen des Kopfes (dem Sitz der Vernunftseele) zu gehorchen, schrieb Aristoteles dem Herzen den eigentlichen Sitz der Seele zu. Im Mittelalter ist bei Hildegard von Bingen das Herz das Fenster, durch welches gleichsam das Tun des Menschen betrachtet und auch geleitet wird. Auch Paracelsus sieht im Herzen das eigentliche Lebenszentrum für den Mikrokosmos «Mensch», ganz so wie die Sonne damals das Zentrum des Makrokosmos war. Das Herz erwärmt und durchstrahlt also Das Zitat vom kleinen Prinzen lässt aufhorchen – wir sehen also nicht mit dem Auge, sondern mit dem Herzen. Aber wie ist das möglich? Was ist mit diesem Blickwinkel aus Sicht des Herzens gemeint und wie können wir das in unseren Alltag einfliessen lassen? Mit diesem kurzen Artikel zum Thema Kordiologie möchte ich euch dies etwas näherbringen. Kardiologisch ist das Herz gemäss Duden «das Organ, das den Blutkreislauf durch regelmässige Zusammenziehung und Dehnung antreibt und in Gang hält». Kordiologisch ist das Herz das menschliche Lebens- und Gefühlszentrum. Das biologische Herz ist äussere mechanische Bewegung: de motu cordis. Das symbolische Herz ist innere Bewegtheit, vitale Unruhe, überschäumende Freude und Kraft, aber auch beklemmende Angst: de emotione cordis! Das Herz der Kardiologie pumpt, versagt, de- und repolarisiert, rupturiert, fibrilliert, wird palpiert, auskultiert, elektro- und echokardiographiert, katheterisiert, biopsiert, digitalisiert, computertomographiert, fibrinolysiert, rekompensiert und transplantiert. Das Herz der Kordiologie «singt, lacht, jubelt, weint, erwacht, erblüht, klagt, bebt, zerspringt, blutet, schmachtet, bricht, wird geschenkt, ausgeschüttet, verloren, im Sturm erobert. Es ist treu, trotzig, falsch, abgründig, sitzt am rechten Fleck, aber zittert auch oder dreht sich gar im Leibe herum.»2 Mit diesen hinreissenden Worten beschreibt der Kardiologe Prof. Dr. Frank Nager in seinem Buch «Das Herz als Symbol» die Bedeutung der Kordiologie, der Symbolsprache des Herzens. Kordiologie ist die Lehre vom Herzen als Sinnbild und Metapher im Unterschied zur Kardiologie, der wissenschaftlichen Lehre der Herzanatomie und -funktion. In unserer medizinalisierten Welt sind wir zu Recht fasziniert von den vielen Möglichkeiten, welche die moderne Medizin – insbesondere in der Kinderkardiologie – für Behandlung und Heilung vieler angeborener und erworbener Herzleiden anbietet. Unser Zugang sollte sich aber nicht auf die kardiologiDas Herz eines Ochsen Leonardo da Vinci 1513 Quelle: Wikimedia Commons L’ange protecteur – Schutzengel Quelle: Alamy Niki de Saint-Phalle 1997

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