FORTBILDUNG: THEMENHEFTTEIL 02 / 2025 KINDERÄRZTE. SCHWEIZ 34 DR. MED. MARC WILDBOLZ FACHARZT FÜR KINDER- UND JUGENDMEDIZIN MIT SCHWERPUNKT KINDERKARDIOLOGIE, KONSILIARARZT AN DER KLINIK FÜR KINDER UND JUGENDLICHE, AARAU Korrespondenzadresse: marc.wildbolz@ksa.ch Die Erhebung kardiovaskulärer Risiken vor Stimulanzientherapie: ein klinischer Ansatz einem routinemässigen EKG ab7. Die empirische Evidenz zeigt, dass das EKG-Screening in seltenen Fällen okkulte Herzerkrankungen erkennen kann (0,3%)9. Weitere Argumente dagegen sind das ungenügende Kosten- Nutzen-Verhältnis mit durchschnittlichen Kosten in einer US-Amerikanischen Studie mit 1470 Kindern von $58 pro Kind für das EKG-Screening und für die Identifizierung eines richtig-positiven Ergebnisses von $17 1629. Die derzeitigen Erkenntnisse legen somit nahe, dass ein routinemässiges EKG-Screening nicht generell durchgeführt werden sollte. 3. Beurteilung durch eine kardiologische Fachperson wird empfohlen bei ■ Auffälligkeiten in Anamnese, Familienanamnese oder körperlicher Untersuchung ■ abnormalen EKG-Befunden (falls bereits durchgeführt) ■ bekannten strukturellen Herzerkrankungen oder Herzrhythmusstörungen8 4. Monitoring unter Therapie ■ Die Leitlinien empfehlen die regelmässige Überwachung von Blutdruck und Herzfrequenz bei allen Kindern und Jugendlichen, die ADHS-Medikamente einnehmen4,7,8. 5. Besondere Überlegungen bei herzkranken Kindern Bei Kindern mit angeborenen Herzfehlern ist die ADHSPrävalenz höher als in der Allgemeinbevölkerung (OR 2,98)10, was eine besondere klinische Herausforderung darstellt. Obwohl häufig Bedenken bezüglich dieser Patient:innenpopulation bestehen, gibt es derzeit keine klinischen Daten, die auf ein erhöhtes Risiko für plötzlichen Herztod unter Stimulanzientherapie hinweisen8,11. Eine enge Zusammenarbeit mit den behandelnden Kardiolog:innen ist jedoch empfehlenswert. Fazit Eine gründliche Anamnese und klinische Untersuchung sollten vor Therapiebeginn mit Stimulanzien grundsätzlich durchgeführt werden. Die aktuelle Evidenz spricht jedoch nicht für ein routinemässiges, prätherapeutisches EKG-Screening, und kardiologische Konsultationen sollten Patient:innen mit Risikofaktoren vorbehalten bleiben. Eine regelmässige Überwachung von Blutdruck und Herzfrequenz während der Behandlung wird für alle Patient:innen empfohlen. Dieser evidenzbasierte Ansatz schafft ein Gleichgewicht zwischen der Erkennung seltener, aber schwerwiegender Herzerkrankungen und der Gewährleistung einer wirksamen und kosteneffizienten ADHS-Behandlung. ■ Stimulanzien sind die primäre pharmakologische Behandlung bei Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) mit gut belegter Wirksamkeit1. Die Verwendung und Bedeutung von diesen Medikamenten hat in vielen Ländern deutlich zugenommen, so auch in der Schweiz2. Aufgrund ihrer sympathomimetischen Wirkungen bestehen Bedenken hinsichtlich ihrer kardiovaskulären Sicherheit, was zu verschiedenen Empfehlungen geführt hat, welche bis heute teilweise kontrovers diskutiert werden3. Kardiovaskuläre Wirkungen von Stimulanzien Stimulanzien wirken primär durch Erhöhung der Katecholaminspiegel an der Synapse. Dies kann zu Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System und einem moderaten Anstieg der Herzfrequenz und des Blutdrucks führen3,4,5. Obwohl diese Veränderungen meist klinisch insignifikant sind, besteht weiterhin die Sorge vor schwerwiegenden kardiovaskulären Ereignissen, besonders bei Patienten mit kardialen Grunderkrankungen. Evidenz zum kardiovaskulären Risiko Mehrere grosse Studien konnten keinen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen Stimulanzien und dem Risiko schwerer kardiovaskulärer Ereignisse in allen Alterskategorien (Kinder & Erwachsene) nachweisen3,5,6. Eine grosse retrospektive Kohortenstudie dokumentierte lediglich 81 schwerwiegende kardiovaskuläre Ereignisse bei über 1,2 Millionen Kindern und jungen Erwachsenen (3,1 pro 100000 Personenjahre) und fand insbesondere kein erhöhtes Risiko für plötzlichen Herztod6. Das Risiko einer signifikanten QT-Zeit-Verlängerung wird ebenfalls als gering eingeschätzt7. Kardiovaskuläre Risikostratifizierung vor der Behandlung 1. Anamnese und körperliche Untersuchung Wird generell empfohlen (Klasse I, Evidenzgrad C)8 ■ Persönliche Anamnese von kardialen Symptomen (Synkope, Herzklopfen, Brustschmerzen insbesondere unter Belastung) ■ Plötzlicher vorzeitiger Tod, ungeklärter Herztod vor dem 35. Lebensjahr oder familiäre Herzrhythmusstörungen ■ Körperliche Untersuchung auf Herzgeräusche, abnorme Rhythmen oder syndromale Erkrankungen 2. EKG-Screening Die vermutlich am kontroversesten diskutierte Abklärung vor einer Stimulanzientherapie ist das routinemässige EKG-Screening. Die AHA-Richtlinie (American Heart Association) erwägt ein EKG-Screening als «vernünftig», betont jedoch, dass es nicht verpflichtend ist (Klasse IIa, Evidenzgrad C)8. Die europäischen Leitlinien raten von Bild: Adelisa, 10 Jahre
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