04 / 2024 JAHRESTAGUNG KINDERÄRZTE. SCHWEIZ 25 Mit einem klar strukturierten Referat informiert uns unser Hauptredner vertieft über das aktuelle Wissen betreffend Klimakrise und Gesundheit, von der Schwangerschaft bis zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. 2009 schrieb The Lancet: «Der Klimawandel stellt die grösste Bedrohung für die globale Gesundheit des 21. Jahrhunderts dar.» Der Klimawandel bedroht uns in einem Zusammenspiel von direkten, indirekten und sozialen Faktoren: Direkte Effekte wie Extremwetterereignisse, Dürren, Überschwemmungen, steigende Meeresspiegel und Hitzewellen führen indirekt zu verminderter Wasserqualität, Luftverschmutzung, veränderter Landnutzung und ökologischem Wandel. Dies beeinflusst uns je nach Alter, Geschlecht, Gesundheitsstatus, sozioökonomischem Status, verfügbarem Kapital, Gesundheitsinfrastruktur und politischem Kontext in unterschiedlichem Ausmass und führt unter anderem zu Allergien, Atemwegserkrankungen, Verletzungen, Unfällen, Unterernährung, Herzkreislauf- und Infektionskrankheiten, Hitze- und UV-Schäden, Zoonosen, neonatalen Schäden und psychischen Belastungen. Schwangere und Kinder leiden besonders unter Hitze und Feinstaub: Vielfältige Veränderungen wie Dehydratation, kardiovaskulärer und oxidativer Stress, endokrine Dysregulation und Ablagerung von Feinstaub in der Plazenta führen zu erhöhter Blutviskosität und schlechter Versorgung des Fetus, zu katabolem Stoffwechsel, zu toxischen Effekten bis hin zu epigenetischen Veränderungen; diese Effekte können zu intrauterinem Fruchttod, Frühgeburt, Fehlbildungen, vorzeitigem Blasensprung, niedrigem Geburtsgewicht und einer erhöhten Neugeborenensterblichkeit führen. Gemäss Metaanalysen sind über 18% der Frühgeburten weltweit auf eine Feinstaub-Exposition zurückzuführen. Deutsche Studien konnten nachweisen, dass extreme Hitze und lange Hitzeperioden das Risiko einer Frühgeburt erhöhen (RR 1.59 resp. 1.20), die kritische Phase liegt in der 34.–37. SSW. Mütter mit vorbestehenden Erkrankungen (Bsp. Asthma) haben ein um 52% erhöhtes Risiko einer Frühgeburt aufgrund der Feinstaubbelastung. Kinder unter 5 Jahren weisen weltweit mit 88% die grösste durch den Klimawandel bedingte Morbidität auf. Das in Entwicklung befindliche kindliche Immunsystem, nicht ausgereifte Thermoregulationsfähigkeit, erschwerte Einschätzung von Gefährdungssituationen (Bsp. Hitze) und die erforderliche Verarbeitung von Extremwetterereignissen fordern Kinder in besonderem Masse heraus. Sozial schwächere Familien, chronisch kranke Kinder und Kinder mit Behinderungen sind besonders betroffen. Gemäss Pariser Abkommen gilt für 2020 geborene Kinder im Vergleich mit einer 1960 geborenen Person ein je um 2–3 mal erhöhtes Risiko für das Erleben von Waldbränden, für REFERENT: PD DR. MED. DIRK HOLZINGER Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Oberarzt Pädiatrische Rheumatologie und Immunologie, Universitätsklinikum Essen, Vertretungsprofessor Kinder- und Jugendmedizin hsg Bochum, MsC Public Health (Global Health), Mitglied des Vorstandes von KLUG – Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit MODERATION/AUTORIN: DR. MED. ISABELL IFF-TURECZEK Fachärztin für Kinder- und Jugendärztin FMH, Co-Leiterin KIS Arbeitsgruppe Nachhaltigkeit, Kinderarztpraxis Central in Horgen Korrespondenzadresse: iff-tureczek@hin.ch Hauptreferat Klimakrise und Kindergesundheit Ernteausfälle, für Dürre und für Überschwemmungen und ein 7-fach erhöhtes Risiko, Hitzewellen zu erleben. Neben Infektionskrankheiten wie FSME und Lyme- Borreliose werden Fälle von West-Nil-, Dengue- oder Chikungunya-Fieber, Zika, Malaria und Leishmaniose auch in nördlichen Ländern Europas immer wahrscheinlicher. Durch Feinstaub, Stickoxide und Ozon beeinträchtigte Luftqualität steht in direkter Relation zur schlechteren Entwicklung des Arbeitsgedächtnisses von Kindern und Jugendlichen, wie eine spanische Studie belegt. Höhere Durchschnittstemperaturen führen zu verlängerter Pollenflugzeit, Spätblüher haben mehr Zeit zur Samenproduktion, neue Allergene werden heimisch. Psychische Auffälligkeiten zeigen sich als akute Belastungen durch Klima- und Umweltstressoren (Bsp. Schule durch Überflutung nicht nutzbar), als sekundäre Belastung durch Folgeeffekte (Umverteilung der Schüler:innen auf andere Schulen, neue soziale Kontakte, Lehrpersonen, Wege, ...), aber auch in der Bewusstwerdung der existentiellen Bedrohung. Sechs Jahre nach dem ersten Zitat schreibt The Lancet 2015: «Die Bewältigung des Klimawandels könnte die grösste Chance für die globale Gesundheit im 21. Jahrhundert sein.» Die Wahrnehmung hat sich verändert, was können wir konkret tun? Der «Handabdruck» motiviert, durch persönliches Engagement aktiv wirksam zu werden! Das Gesundheitspersonal geniesst in der Bevölkerung grosses Vertrauen und steht in einer Schlüsselposition, in der Klimagesundheit Verantwortung zu übernehmen. Wenn wir die Klimakrise als Determinante erkennen, können wir Klimagesundheit in die Aus-, Fort- und Weiterbildung integrieren, klimasensible Gesundheitsberatung praktizieren und uns als Botschafter für Klimagesundheit positionieren. Danke an Herrn Holzinger für seine klaren Worte, anschaulichen Dias und konkreten Vorschläge, wie wir als Vertreter:innen des Gesundheitswesens an erster Stelle für die Erhaltung einer gesunden Umwelt einstehen können! Persönlich nehme ich das letzte Dia gerne als Motivations- und Entscheidungstool mit: ■ Illustration: Ayana Elizabeth Johnson, «How to find joy in climate action», https://www.ted.com/talks/ayana_elizabeth_johnson_how_to_find_joy_in_climate_action) Your climate action! What are you good at? Your skills, resources, and networks What work must be done? Climate and health solutions What brings you joy? Sources of satisfaction and delight
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