26 Die Polizei kontrollierte die Geschwindigkeit nach Augenmass und verhängte empfindliche Bussen. Ausländischen Automobilisten wurde sogar empfohlen, nach Möglichkeit die Schweiz zu umfahren. Vielerorts herrschte ein Sonntagsfahrverbot und der Kanton Graubünden duldete auf seinen Strassen überhaupt keine Autos. (Erst 1928 wurden hier die Strassen für Motorfahrzeuge freigegeben.) Alle diese Widrigkeiten behinderten allerdings die Entwicklung des motorisierten Strassenverkehrs nur geringfügig. Das Auto hatte seinen Siegeszug begonnen und dieser war nicht mehr aufzuhalten. 1919 – Der Übergang vom Pferdewagenbau zur Automobilcarrosserie Die beiden Söhne Arnold und Emil des Wagnermeisters Heinrich Hess hatten in Solothurn die Schulen durchlaufen und anschliessend ihre Berufslehren absolviert. Arnold, geboren 1889, begann mit fünfzehn Jahren eine Stellmacherlehre. Als Wagnergeselle arbeitete er während vier bis fünf Jahren in Deutschland, Italien und Frankreich in mehreren Betrieben. Emil, geboren 1894, erlernte den Beruf eines Lackierers und konnte sich während seiner Wanderjahre ebenfalls mannigfaltige Kenntnisse aneignen. Nach Kriegsende entschlossen sich die beiden Brüder, 1919 an der Bielstrasse in Solothurn einen Carrosseriebetrieb zu begründen. In den ersten zwei Jahren arbeitete jeder auf eigene Rechnung. 1922 schlossen sie sich zusammen. Beide waren natürlich für dieses Unternehmen vorzüglich gerüstet und besassen auch die feste Überzeugung, dass dem Automobil eine grosse Zukunft beschieden sein würde. Im Herbst 1918 war der blutigste und ver- heerendste Krieg in der bisherigen Geschichte endlich zu Ende gegangen. Insgesamt gab es etwa 10 Mio. Gefallene. In ganz Europa kochte und brodelte es. Streiks und Aufstände, politische Agitation und Repressionen beherrschten die Länder. Für den Wiederaufbau fehlte es vielerorts an Mitteln und Materialien. Die Industrie, die seit vier Jahren in immer grösseren Mengen Kriegsmaterial aller Art hergestellt hatte, musste sich raschmöglichst auf die Friedensproduktion einstellen. Auch in der Schweiz, die ja glücklicherweise vom Krieg verschont geblieben war, gab es Unruhen. Dem von den Gewerkschaften ausgerufenen Generalstreik begegnete die Schweizer Regierung mit dem Einsatz von Truppen. Insgesamt war die wirtschaftliche Situation keineswegs rosig. Die monatelangen Ausfälle vieler Arbeitskräfte durch den Aktivdienst und die sprunghafte Verteuerung der Importgüter während des Krieges, führten vielerorts zu schwierigen Verhältnissen. Der Lebenskostenindex erreichte einen neuen Höchststand und war damit zweieinhalbmal so hoch wie 1914. Der durchschnittliche Tagesverdienst eines Arbeiters betrug 11 Franken. Durch ein neues Bundesgesetz wurde die 48-Stunden-Woche eingeführt. Während des Krieges hatten sich Motorfahrzeuge aller Art unter schwierigsten Bedingungen bewährt. Hier hatte die Weiterentwicklung sogar Oben: Kom 145, Typischer Tourenwagen mit Spannverdeck. Unten: Sport-Torpedo mit modischen Kotflügeln und Scheibenrädern.
RkJQdWJsaXNoZXIy MjYwNzMx