Zenit Nr. 4, November 2021

Paul Huber, 74, hütet regelmässig vier Enkelkinder. Über Gerechtigkeit, Nach- haltigkeit und Gleichberechtigung, die früher Beruf und Politik bestimmten, diskutiert er heute neben vielem anderen in kleinen Gruppen. Rückblickend staunt Paul Huber, dass er 1987 als Vertreter einer Minderheitspartei «quasi aus dem Nichts heraus» zum Regierungsrat gewählt wurde. «Ich war wohl SP-Einwohner- rat in Emmen. Vielleicht haben meine Tätigkeiten als Zentral- sekretär des Schweizerischen Verbands des Personals öffentli- cher Dienste und das Präsidium des Luzerner Gewerkschafts- bundes bewirkt, dass die Partei fand, ich sei der Richtige. Ich kämpfte und wollte dieWahl unbedingt gewinnen.» Geprägt durch seine Herkunft aus einer siebenköpfigen Ar- beiterfamilie war die soziale Gerechtigkeit sein Grund- anliegen. Trotz bescheidener Verhältnisse ermöglichten ihm die Eltern den Besuch des Lehrerseminars in Hitzkirch. Er übernahm Stellvertretungen, arbeitete beim Erziehungs- departement und schloss danach das Studium an der Uni Zürich in Geschichte, Englischer Literatur und Politischen Wissenschaften mit dem Doktorat ab. In seiner 16-jährigen Regierungstätigkeit als Vorsteher des Justizdepartementes zählen für ihn die Umsetzung des Verfassungsartikels für den Moorschutz, die Verfassungs- revision sowie die Einleitung und Umsetzung der Gemein- dereform zu den wichtigsten Erfolgen. Die Erfahrung, wie Eigenständigkeit trotz Fusionen in vielen Punkten erhal- ten bleiben kann, konnte er später in vielen Vorträgen über den schweizerischen Föderalismus und die Gemeinde- autonomie im In- und Ausland einbringen. Noch heute freut er sich, dass er das erste kantonale Gleichstellungs- gesetz der Schweiz realisieren konnte. Er hat auch gelebt, was er politisch vertreten hat. Soweit möglich half er im Haushalt mit und zog mit seiner damaligen Partnerin zwei Töchter gross. Seit zehn Jahren hütet er jede Woche als sozialer Grossvater die vier jüngsten Enkelkinder. Mit seiner noch immer berufstätigen Frau Petra geniesst er intensiv das Kulturangebot in der Stadt Luzern, die ge- meinsame Mussezeit sowie die Besuche der als Studentin in Bern lebenden 23-jährigen Tochter. Das Modell, in verschie- denen Wohnungen zu leben, erleichterte es ihm, unter der Woche den zahlreichen Abendsitzungen nachzugehen. Nach dem Rücktritt aus der Politik beschäftigte ihn das Präsidium des Verwaltungsrates der UD Mediengruppe Luzern stark. Wegen der Schwierigkeiten im Druck- Pro Senectute Kanton Luzern 4 | 21 31 gewerbe musste er als Gewerkschafter Mitarbeiter entlas- sen, was ihn enorm belastete. Nach einem Herzinfarkt 2009 gab er das Präsidium ab. Sein vielfältiges gemeinnütziges Engagement hat sich aus seiner beruflichen und politischen Arbeit ergeben. So war er u.a. Gründungsmitglied des SAH, Gründungsprä- sident von LuzernPlus, Vorstandsmitglied der IG Kultur, Stiftungsrats-Präsident NETZ und hat den Verein Ron- mühle in Schötz aufgebaut. «Das gab mir Einblick in verschiedenste Lebenswelten, hat aber meine Tage und Stunden ‹ zugepflastert › . Deshalb gebe ich seit meinem 70. Geburtstag meine freiwilligen Verpflichtungen schrittweise ab und bin in meinem letzten Lebens- abschnitt in verschiedenen Grüppchen unterwegs.» Lachend erzählt er von derWandergruppe mit Frauen, darunter alt Bundesrätin Ruth Dreifuss, der Lesegruppe mit Kollegen aus der Studienzeit, der Diskussions- und Kochgruppe, der Jassgruppe, dem Tramhüsli-Treffen mit Kollegen aus der Emmer SP-Zeit und den Treffen mit den Geschwistern. Vielseitig interessiert, geniesst er auch das Golfen auf dem Platz der Migros in Oberkirch und meint: «Ich erlebe die dritte Lebensphase als eine unglaublich reiche, lebendige, erfüllte und intensive Zeit, für die ich sehr dankbar bin.» MONIKA FISCHER WAS MACHT EIGENTLICH …? Gelebt, was er vertreten hat Foto: Peter Lauth

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