24 Zenit | März 2026 Obwohl 1803 durch Napoleons Mediationsakte zum souveränen und gleichgestellten Kanton erhoben, blieb das Tessin ein «eid- genössisches Sorgenkind». Politische Wechselbäder VON WALTER STEFFEN* 1810 besetzten italienisch-franzö- sische Truppen das Tessin. Der südliche Teil sollte Italien angegliedert werden. 1814 offerierten die Urner den Ein- wohnern der Leventina die Wiedervereinigung mit Uri als «freie, selbst- verwaltete Menschen». Eine Mehrheit stimmte zu. Doch nach der Niederlage Napoleons bei Waterloo wurden am Wiener Kongress die Karten neu ver- teilt. Der Bundesvertrag von 1815 aner- kannte das Tessin als souveränen Kan- ton. Die restaurative Tessiner Verfas- sung schlichtete den Streit unter den Regionen, indem die Hauptstadt alle sechs Jahre zwischen Bellinzona, Locar- no und Lugano wechselte. In der neuen Regierung wurden die Ämter unter einem kleinen Kreis reicher Bürger verteilt. Erst 1830 erhielt das Tessin eine liberale Verfassung. Im Sonderbundskrieg stand das Tessin auf der Seite der Liberalen. Der Gegen- satz zwischen der konservativen Landbevölkerung und den liberalen Städtern, zwischen Sopraceneri und Sottoceneri prägte im 19. Jahrhundert die Tessiner Politik. Wahlkämpfe wur- den in diesem Majorz-System mit Waffen und Korruption ausgetragen. Die Kirche hetzte gegen die liberalen «Klösteraufheber», welche die öffentlichen Schulen zu «Brutstätten der Gott- * Dr. phil. Walter Steffen (*1945) unterrichtete Geschichte, Italienisch und Englisch an den Lehrerseminarien Luzern und Hitzkirch und leitet Exkursionen von Pro Senectute Kanton Luzern. losigkeit» machten. In den Wahlen von 1877 siegten die Konservativen, aber eidgenössische Truppen mussten in Lugano für Ruhe und Ordnung sor- gen, wie schon 1815. Neue Heimat im Ausland Hunger und Armut trieben nach 1815 über 300 000 Tessiner nach Italien, Süd- amerika, Australien, Russland und in die USA. Obwohl zahlreiche Villen in Tessiner Dörfchen an wohlhabende Rückkehrer erinnern, machen diese Erfolgreichen kaum ein Prozent der Auswanderer aus. In Curio und Breno im Malcantone existierten Architektur- und Zeichenschulen, um Stukka- teure, Graveure, Architekten, Kalkbren- ner und Gipser auszubilden. Ein weiteres Kapitel: Die Ausbeutung von Knaben als Kaminfeger (Spazzacamini) in Norditalien. Die Saison dauerte von Oktober bis April. Die Kinder wurden über den Winter weg- geschickt, damit in den härtesten Monaten ein Mund weniger gefüttert werden musste. Trotzdem mussten viele dieser Kinder ihre Nahrung auf der Strasse erbetteln. Die Lehrmeister ernährten sie kaum, wollten sie doch möglichst schlanke Kaminfeger. Die Gotthardbahn brachte ab 1882 wirt- schaftlichen Aufschwung und vielen Tessinern ein geregeltes Einkommen. Zwischen Putsch und Entspannung Aus Anlass der Neuwahlen für den Grossen Rat am 3. März 1889 kam es zu einem heftigen Streit zwischen den Konservativen und den Liberalen. Die Eskalation des Streites wurde durch eine Bundesintervention vorerst ver- hindert. Doch am 11. September 1890 kam es zum Tessiner Putsch, einem Staatsstreich von Tessiner Liberalen gegen die konservative Regierung. Der Putsch löste eine weitere Bundes- intervention aus. Erst die Einführung der Proporzwahl von Regierung und Parlament durch eine Verfassungsreform 1892 brachte Entspannung. Ab 1920 formierte sich in der Tessiner Regierung eine starke Koalition zwischen Konservativen, Sozialdemokraten und Bauernpartei. Dieser «informelle Filz» konnte sich über Jahrzehnte halten. 1990 wurde die «Lega dei Ticinesi» gegründet, welche bald ein «politisches Erdbeben» auslöste: Noch vor der SVP in der Deutschschweiz gelang es der «Lega», die etablierten Parteien mit den Themen Überfremdung, Grenz- gänger, EU vor sich herzutreiben und gegen den Filz zu wettern. Wirtschaftlich waren die Tessiner von Italien abhängig. 1869 arbeiteten von den 1100 Einwohnern Intragnas SPAZZACAMINI (Mailand um 1906): Tessiner Knaben wurden nach Norditalien geschickt, wo sie als Kamin- feger hart arbeiten mussten.
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