Zenit Nr. 1. März 2026

Zenit | März 2026 21 Josy Hofstetter, 85 Zell «Wir hatten geplant, auch nach der Pensionierung weiter zu bauern. Doch dann starb mein Mann unerwartet an einer Lungenentzündung. Zuerst führ- te ich den Betrieb mit Unterstützung eines Sohnes weiter, dann schaute ich im Auftrag des Pächters viele Jahre lang zum Jungvieh. Erst mit 81 zog ich vom abgelegenen Bauernhaus in eine Wohnung ins Dorf. In den letzten Jahren erlebte ich schöne und schwere Momente. Schön war, dass ich nochmals eine neue Liebe fand. Leider verlor ich meinen Partner wieder – so wie meine letzten drei Geschwister. Nun bin ich als Einzige von acht Kindern noch hier. Aber ich habe eine grosse Familie, die mir Kraft gibt: fünf Kinder, zehn Grosskinder und zehn Urgrosskinder. Und ich bastle, stricke und nähe mit grosser Begeisterung. Am liebsten fertige ich kreative Glückwunschkarten, die ich in einem Laden verkaufen darf. Jede Karte ist ein Unikat und die positiven Rückmeldungen freuen mich. Abends darf ich nicht mehr ins Arbeitszimmer, sonst vergesse ich die Zeit. Trotz Schicksalsschlägen empfinde ich mein heutiges Leben als Erntezeit. Zu viele Zukunftssorgen will ich mir nicht machen. Sonst vergisst man zu leben.» Sie arbeitet bis heute leidenschaftlich gern mit den Händen: Josy Hof- stetter in ihrem Arbeitszimmer, das auch ein Kartenatelier ist. Mit den kleinen Wehwehchen des Alters findet sich Vreni von Arx-Moor ab. Sie sorgt sich vielmehr um die Zukunft ihrer Enkelkinder. Vreni von Arx-Moor, 80 Wikon «Als unsere Tochter grösser wurde, kehrte ich ins Berufsleben zurück und arbeitete bis zur Pensionierung als kaufmännische Angestellte weiter. Mein Pensum reduzierte ich schrittweise und engagierte mich dafür vermehrt ehrenamtlich – etwa im Vorstand der Heimatvereinigung Wiggertal, bei unserer lokalen Kulturgruppe «Kultur im Spycher» oder als Stadtführerin in Zofingen, wo ich aufgewachsen bin. Kurz nach der Pensionierung kamen unsere drei Enkelkinder zur Welt, die bis heute regelmässig bei uns sind. Inzwischen bin ich 80 und spüre meine Knochen gelegentlich. Unser grosser Garten kann belastend sein und ich denke bewusst nicht mehr in Jahrzehnten. Irgendwann wird der Moment kommen, das Haus gegen eine Wohnung einzutauschen. Ich traue mir zu, den richtigen Zeitpunkt zu erkennen, und mache mir deswegen nicht allzu grosse Sorgen. Jedoch sorge ich mich um die Zukunft unserer Gross- kinder. Wenn ich an die aktuellen geopolitischen Unsicherheiten, die Kriege, die Gefahren der Künstlichen Intelligenz oder die Macht der Superreichen denke, frage ich mich: Wir hatten doch zwei Weltkriege. Haben wir wirklich nichts daraus gelernt?»

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