Zenit Nr. 1. März 2026

Zenit | März 2026 19 Bahnbereich hätte man ihn nicht genommen, ist er überzeugt. Der Bewerbungsprozess mit verschiede- nen Eignungstests sei tough gewe- sen, bemerkt er. Bei einem Praxis- tag mit einem erfahrenen Lokführer sei er «auf die Welt gekommen». «Die vielen Eindrücke, der lange Dienst, die Schichtarbeit und dass du jede Sekunde voll konzentriert sein musst, haben mich beeindruckt», sagt Thomas Bluntschli. Er überlegte sich, ob er sich das wirklich nochmals antun wolle. Denn für ihn war klar: Wenn er einmal ja sagt, dann zieht er das auch durch. «Etwas anderes gibt es bei mir nicht.» Und so legte er los und absolvierte die anspruchsvolle Ausbildung, die etwas weniger als ein Jahr dauerte und nebst dem Fahren auch die um- fassende, schweizweite Theorie sowie die Fahrzeugtechniken beinhaltete. Kein «Schoggi-Job» Der Beruf als Lokführer gefällt dem ehemaligen Manager. «Wenn du am morgen früh vor dir die Sonne auf- gehen siehst, dann sind das Prachtsmomente. Ich mag auch die Gespräche mit den Fahrgästen oder meinen Lok- führerkolleginnen und -kollegen an den Bahnhöfen.» Auf der anderen Seite ist es alles andere als ein «Schoggi-Job». Wenn Thomas Bluntschli frühmor- gens zur Arbeit muss, kann er nicht am Abend vorher mit Freunden bis Mitternacht zusammensitzen. «Der Beruf ist streng und erfordert Opfer, auch von meiner Frau», bringt er es auf den Punkt. Er bereut keine Sekunde, dass er diesen Wandel vollzogen hat. Was er sich vorgenommen hat, zieht er durch, das hat er auch früher stets so gemacht. Und heute weiss er: «Lokführer ist kein Traumjob, aber ein guter Beruf.» beschloss ich, mich mit 55 vorzeitig pensionieren zu lassen», sagt Thomas Bluntschli. Sein Chef zögerte den Zeitpunkt noch drei Jahre hinaus, doch dann war es so weit: «Ich wollte etwas anderes machen, etwas, bei dem ich keinen Managerrhythmus und keine globale Aufgabe habe, keine Leute mehr führen muss und nicht mehr dauernd im Brennpunkt stehe. Etwas, bei dem ich die Arbeit nicht mit nach Hause nehme.» PORTRÄT FOKUS ✺ nicht einfach im Liegestuhl liegen und warten, bis es vorbei ist.» Zudem ist Wandel etwas, das in seinem Leben ein ständiger Begleiter war. Dass er jetzt ausgerechnet Lokführer gewor- den ist, hat mit seinen beruflichen Anfängen zu tun. Nach seiner Lehre als Betriebsdisponent arbeitete er zehn Jahre als Fahrdienstleiter und bediente unter anderem Stellwerke am Gotthard und am Bahnhof in Basel. 28 Jahre Top-Manager Parallel zum Job als Fahrdienstleiter holte er auf dem zweiten Bildungsweg die Matura nach und arbeitete danach bei Sulzer in Luzern als kaufmännischer Leiter. In dieser Zeit studierte Thomas Bluntschli gleichzeitig zur Arbeit Betriebswirtschaft und Wirt- schaftsinformatik und wechselte nach den Studienabschlüssen zur UBS. Eine «Bilderbuchkarriere» begann: Nach neun Jahren – davon arbeitete er zwei Jahre in London – wurde er Managing Director. Inzwi- schen hatte er zur Credit Suisse gewechselt. Insgesamt verbrachte er 28 Jahre in leitenden Funktionen bei Grossbanken. «Zeitweise führte ich rund 1000 Leute an 22 Standorten weltweit.» Die Aufgabe als Top-Banker war spannend – und fordernd. «Ich war fast immer auf Reisen, flog etwa achtmal pro Jahr um die Welt, meine Arbeitstage dauerten oft 16 Stunden.» Freie Wochenenden kannte er kaum und Ferien bedeuteten für ihn «Arbei- ten an einem anderen Ort». «Die ersten zehn Jahre waren sehr spannend, die folgenden zehn waren o.k. Dann wurde es streng», beschreibt er es. Die dauernden Zeitverschie- bungen zehrten an den Kräften. Zudem fehlte es ihm an Zeit für seine beiden Töchter und seine Frau. «Schliesslich «Lokführer ist kein Traumjob, aber ein guter Beruf. Wenn du am Morgen die Sonne aufgehen siehst, dann sind das Prachts- momente.» THOMAS BLUNTSCHLI Der Beruf als Lokführer gefällt dem ehemaligen Manager. Wenn schon, dann richtig Einer wie er würde normalerweise ein Beratungsmandat übernehmen oder in eine Leitungsposition einer ande- ren Firma wechseln. «Aber genau das wollte ich nicht mehr.» Es sollte wirklich etwas ganz anderes sein. Ein Kollege brachte ihn bei einem Gespräch auf die Idee, Lokführer zu werden. «Ich fand den Vorschlag verlockend. Wenn du keinen Fehler machst, siehst du deinen Chef nie und du hast deine Ruhe.» Obwohl Lokführer gesucht sind, rechnete er nicht damit, dass er mit 58 noch für eine Ausbildung in Frage kam. Davon liess er sich nicht abhal- ten. Thomas Bluntschli bewarb sich auf verschiedene Stellenangebote und wurde schliesslich von der AVA ange- stellt. Ohne seine Erfahrung im Foto: zVg

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