Zenit | März 2026 15 VON ASTRID BOSSERT MEIER Das Gespräch findet an einem sonni- gen Januar-Tag im Atelier von Emil und Niccel Steinberger in Basel un- weit des Bahnhofs statt. Die Oblichter des Sheddachs versorgen den Raum mit viel Licht. Auf den Arbeitstischen stapeln sich Fotos, Arbeitspapiere, Notizhefte, Bücher. Auf den Staffeleien stehen farben- frohe Kunstwerke von Niccel. Emil hat gerade seinen 93. Geburtstag gefeiert und wenige Tage zuvor war der Kinofilm «Typisch Emil – vom Loslassen und Neuanfangen» im Schweizer Fernsehen SRF und im deutschen SWR zu sehen. 277 000 Menschen in der Schweiz haben sich im Januar das zweistündige Filmporträt über Ihr Leben angesehen. 445 000 waren es zeit- gleich in Deutschland. Wie fühlte sich das an? Emil Steinberger: Wir haben uns den Film an diesem Samstagabend selber zuhause angeschaut. Da dachte ich: Das ist schon ein besonderer Moment. Wir höcklen gemütlich in unserer Stu- be und in Tausenden anderen Stuben schauen sich Menschen ebenfalls un- seren Film an. Vielleicht sogar genera- tionenübergreifend, wie wir es bei den Kinovorführungen oft erlebt hatten. Was ist aus Ihrer Sicht besonders gelungen am Film? Niccel: Mir gefällt, dass er nicht nur Emils Leben nacherzählt, sondern die Menschen berührt. Sie lachen über die lustigen Szenen, sie sind bei den schmerzlichen Momenten gerührt und ziehen vielleicht auch Parallelen zum eigenen Leben. Emil: Ein schwerer Moment war die Konfrontation mit meiner Mutter. Da geht es um Erziehung, um unterschiedliche Vorstellungen vom Leben und um Eltern, die mit den Wünschen ihrer Kinder nicht INTERVIEW FOKUS ✺ einverstanden sind. Das ist in vielen Familien ein Thema. Sie geben im Film sehr persönliche Einblicke. Wächst mit dem Älterwerden auch der Mut zur Offenheit? Niccel: Der Druck, sich beweisen zu müssen, wird kleiner. Man kann auch über das sprechen, was nicht gut lief und was man lange für sich behalten hat. Emils Offenheit im Film hat mich sehr gefreut. Etwa als er erzählte, wie erlöst er nach der Kündigung bei der Post war. Emil: Nach neun Jahren Post an die Kunstgewerbeschule zu gehen, war schon mutig. Ich musste gegen men- Sie beide haben immer wieder grosse Veränderungen gewagt, beruflich wie privat. Bei manchen Menschen schwindet im Alter die Lust auf Neues. Unbekanntes löst eher Sorge als Freude aus. Kennen Sie das nicht? Emil: Ich sehe im Alter einfach keine Barriere. Vielleicht bin ich naiv. Als ich 80 wurde, war in allen Medien von dieser Zahl die Rede. Da dachte ich an mein früheres Bild von alten Leuten und erschrak: Jetzt sehe ich auch so aus! Dennoch hat Sie das Alter nie vom Arbeiten abgehalten. Emil: Nein, das hätte ich nicht gekonnt. Obwohl: Unsere Gesellschaft und die Medien sind schon stark auf die Jugend fokussiert, alles muss jung wirken. Niccel: Die Welt verändert sich rasend schnell, technisch wie gesell- schaftlich. Gleichzeitig verändert sich das Alter. Menschen bleiben viel länger aktiv und wagen Neues. In meinen Lachseminaren sehe ich oft ältere Menschen, die sich mutig auf etwas Unbekanntes einlassen. Im Alter kommt eine neue Freiheit. Wenn man diese auslebt, kann das sehr erfüllend sein. Emil: Manchmal schaue ich mir das Pro-Senectute-Kursprogramm an und denke, das ist ein Paradies. Aber wohl ohne Ihre Beteiligung? Emil (lacht): Nein, ich habe ja nicht mal genug Zeit für meine eigenen Projekte. Niccel (lacht auch): Ich könnte dir mal einen Kurs schenken. Emil: Im Ernst, diese Angebote sind grossartig. Da geht’s nicht nur um Vergnügen, sondern auch um Bildung, Kultur oder Sprache. Sie sind seit 30 Jahren ein Paar. Wenn Sie sich so necken, scheinen Sie verliebt wie am ersten Tag. tale, gesellschaftliche und familiäre Widerstände ankämpfen. Heimlich bereitete ich mich auf die Aufnahmeprüfung vor, zeichnete abends auf dem Nachttisch und hoffte, dass niemand fragt, wozu ich so viel Papier brauche. Sonst hiess es, du könntest auch was Gescheiteres tun. Gegen alle Widerstände sind Sie Ihren eigenen Weg gegangen. Wie haben Sie das geschafft? Emil: Ich musste mich selber retten. Ich spürte, dass mir das Leben ent- gleitet, wenn ich nichts ändere. Abends spielte ich bereits Amateurkabarett. Ich hoffte, mich mit den Einnahmen durchs Leben schlagen zu können. Finanziell habe ich nie gerechnet, nur geschätzt. Mein Kapital war immer die Idee. Für die Umsetzung brauchte es halt Phantasie. «Im Alter bekommt man eine neue Freiheit. Wenn man diese auslebt, kann das sehr erfüllend sein.» Emil
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