KINDERÄRZTE.SCHWEIZ 1/2026

01 / 2026 ERFAHRUNGSBERICHT KINDERÄRZTE. SCHWEIZ 45 SUSANNA FISCHER SOZIALPÄDAGOGIN, LEITUNG FAMILIENPRAXIS STADELHOFEN ZÜRICH Korrespondenzadresse: info@ familienpraxis-stadelhofen.ch REFERENTEN: EGON GARSTICK EIDG. ANERKANNTER PSYCHOTHERAPEUT, DOZENT AM PSYCHOANALYTISCHEN SEMINAR ZÜRICH DR. MED. RAFFAEL GUGGENHEIM FACHARZT FÜR KINDER- UND JUGENDMEDIZIN IN EIGENER PRAXIS, OBERARZT UND LEITER DES PROGRAMMS FÜR REGULATIONSSTÖRUNGEN BEI SÄUGLINGEN UND KLEINKINDERN AM STADTSPITAL TRIEMLI, ZÜRICH «Egon – was meinen wir eigentlich mit Regulation beim Baby … und bei der Familie, wer ist da genau überfordert?» Überforderte Säuglinge – überforderte Eltern? Umgang mit Schreibabys und frühkindlichen Regulationsstörungen in der Praxis – KIS Fortbildung vom 18. September 2025 und gleichzeitig im gleichen Setting mit der Familie. Auf diese Weise ermöglichen sie ein therapeutisches «Holding». Sie können die Erschöpfung und Verzweiflung der Eltern aufnehmen, beruhigen, ohne oberflächlich zu sein. Gleichzeitig wird Triangulierung während der Sprechstunde möglich. Guggenheim und Garstick integrieren zudem das sogenannte Oszillieren: Sie reflektieren während des Settings fortlaufend und intervenieren situationsangemessen. In Kleingruppen diskutierten die Teilnehmenden mit Egon Garstick Fallbeispiele aus der Praxis. Der grosse Bedarf an Austausch und Supervision wurde deutlich. In einer zweiten Kleingruppenrunde konnten die Teilnehmenden bei einem Elterngespräch, das von Raffael Guggenheim und Elke Romano, Psychotherapeutin am Stadtspital Triemli, geführt wurde, dabei sein. Die anwesenden Eltern äusserten sich sehr positiv über die pädiatrisch-psychotherapeutische Regulationssprechstunde. Sie berichteten, sich erstmals von Fachpersonen verstanden gefühlt zu haben, Vertrauen und Ruhe seien in die Familie zurückgekehrt. Abschliessend zeigte sich, dass für eine vertiefte Beratung zu Regulationsstörungen gezielt Zeitressourcen eingeplant werden müssen. Beide Referenten ermutigten die Teilnehmenden, den interprofessionellen Austausch zu suchen, auf andere Berufsgruppen zuzugehen und Eltern gemeinsam zu begleiten. ■ Mit dieser Frage eröffnete Raffael Guggenheim die Fortbildung vom 18. September 2025. Im Zentrum standen frühkindliche Regulationsstörungen, insbesondere schreiende Säuglinge, sowie das von den Referenten entwickelte Konzept der pädiatrisch- psychotherapeutischen Regulationssprechstunde. Die Zusammenarbeit von Garstick und Guggenheim besteht seit 2011 am Stadtspital Triemli Zürich. Ihr transdisziplinäres Vorgehen stellen sie auch in ihrem 2025 erschienenen Buch Die Schreibaby-Sprechstunde vor, in dem sie praxisnahe Konzepte für Fachpersonen und Familien präsentieren. Raffael Guggenheim erläuterte seinen bewährten klinischen Ansatz bei somatischen Symptomen wie Dreimonatskoliken, Reflux, KISS (Kopfgelenk-induzierte Symmetrie-Störung), etc. Die Wessel-Kriterien (3-3-3-Regel) haben für beide Referierenden keine Bedeutung mehr.1 Aus biopsychosozialer Perspektive sind schreiende Säuglinge Kinder, deren Verhalten grosse Verzweiflung auslöst, deren Eltern sich hilflos fühlen und bei denen bisherige Massnahmen wirkungslos bleiben. Ob ein Kind als «Schreibaby» erlebt wird, ist daher subjektiv und abhängig von der Belastbarkeit der Eltern. Besonders eindrücklich war die Demonstration einer Säuglingsuntersuchung von Raffael Guggenheim, die durch Zeitlassen, Beobachten, Verbalisieren des Wahrgenommenen sowie eine haltende, zugewandte Haltung gekennzeichnet war. Egon Garstick beleuchtete die psychosozialen Ursachen frühkindlicher Regulationsstörungen. Unbewusste Konflikte im Familiensystem, etwa in der Entwicklung der Elternschaft oder der Paarbeziehung, können die elterliche Selbstregulation beeinträchtigen. Gelingt diese nicht, reagieren Eltern weniger feinfühlig auf die Signale des Kindes, was häufig zu vermehrtem Schreien führt. Eine stabile Paarbeziehung und Feinfühligkeit bilden laut Garstick die Grundlage für gelingende Eltern- Kind-Interaktionen und sichere Bindung. Entsprechend empfehlen die Referenten, mit der Bindungstheorie nach Bowlby und Ainsworth vertraut zu werden. Die pädiatrisch-psychotherapeutische Regulationssprechstunde integriert medizinische, entwicklungsbezogene, interaktionelle und psychosoziale Aspekte. Pädiater und Psychotherapeut arbeiten transdisziplinär Bild: Klett-Cotta Garstick, Egon & Guggenheim, Raffael, Die Schreibaby-Sprechstunde: Eltern und ihre Kinder pädiatrisch- psychologisch begleiten, Klett-Cotta Verlag, Stuttgart, 1. Auflage, 2025, ISBN 978-3-608-98094-3 1 Der nordamerikanische Kinderarzt Morris Wessel beschrieb 1954 Schreibabys aufgrund von elterlich geführten Schreiprotokollen als Säuglinge, welche über einen Zeitraum von drei Wochen, jeweils mindestens an drei Tagen pro Woche mehr als drei Stunden pro Tag unstillbar oder ohne erkenntlichen Grund schreien. Quelle: Garstick & Guggenheim, Die Schreibaby-Sprechstunde, S. 17.

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