ERFAHRUNGSBERICHT 01 / 2026 KINDERÄRZTE. SCHWEIZ 44 DR. MED. GEORG BOHN FACHARZT FÜR KINDER- UND JUGENDMEDIZIN, KINDERÄRZTE LORZENPARK, CHAM Korrespondenzadresse: georg.bohn@hin.ch ADHS-Vertiefungskurs: Mehr als nur Theorie und Vorträge Peter Hunkeler beleuchtete die Problematik der Fragebögen: Unterschiede in der Bewertung von Eltern und Schule, mögliche Sorgen vor Stigmatisierung sowie Zweifel der Lehrkräfte verlangen einen offenen Dialog zwischen Familie und Schule. Simona Imhof zeigte anhand von Fällen die Schwierigkeiten der Diagnosestellung bei sozial belasteten, kleinen Kindern. Angesprochen wurden Möglichkeiten der Unterstützung, auch ohne Diagnose, durch Einbezug von Sozialarbeit und differenzialdiagnostische Abklärung (z. B. Bindungsstörungen, Minderbegabung). Michael von Rhein klärte praxisnah über ADHS und IV auf: Sinn und Voraussetzungen eines GG-404-Antrags, Hinweise zu IV-Kriterien (Diagnose und Therapiebeginn vor dem 9. Geburtstag; siehe auch sozialversicherungen. admin.ch/de/d/5866/download) sowie Hilfsangebote durch Organisationen wie Procap und Pro Infirmis. Während der Pause standen Materialien, Fragebögen und Infoblätter zur Ansicht bereit. Urs Hunziker informierte die Anwesenden unter anderem über die Abgrenzung von ADHS zu DMDD (disruptive mood dysregulation disorder). DMDD zeigt sich durch wiederholte, heftige Wutanfälle ab dem Vorschulalter, physische Aggressionen gegen Gegenstände oder Personen und eine emotionale, nicht situationsbezogene Instabilität. Der Weg zur Diagnose ist oft lang. Die medikamentöse Einstellung ist oft schwierig bis erfolglos, weil es sich bei DMDD um eine depressive Stimmungserkrankung, beim ADHS dagegen um eine Entwicklungsstörung handelt. Zum Abschluss wurden Falldiskussionen in Kleingruppen geführt. Deutlich wurde, dass ADHS sehr unterschiedlich verlaufen kann. Ein starkes Netzwerk aus Eltern, Praxis, Schule und Therapeut:innen ist entscheidend, in schwierigen Fällen kann die Familienbegleitung oder Spitex hinzugezogen werden. ■ Am 21. August 2025 fand in Zürich der ADHS-Vertiefungskurs unter der Leitung von Dr. med. René Kindli, Dr. med. Peter Hunkeler und Prof. Dr. med. Michael von Rhein mit zusätzlichen Beiträgen von Dr. med. Urs Hunziker und Dr. med. Simona Imhof statt – ein gelungener Tag mit interaktivem fachlichem Austausch und neuen Erkenntnissen. AD(H)S ist in der Praxis allgegenwärtig: Eltern, Schulen und Fachpersonen begegnen sich mit Hoffnungen, Vorurteilen und anspruchsvollen Erwartungen. Der ADHSVertiefungskurs verband Fachvorträge und Falldiskussionen zu einer lebendigen und erkenntnisreichen Veranstaltung. Michael von Rhein eröffnete den Tag mit einer Fragerunde. Die gut 40 Anwesenden hatten grösstenteils bereits Erfahrung in der Betreuung von Kindern und Jugendlichen mit ADHS. Es ging also vor allem um das Voneinander-Lernen im gemeinsamen Austausch. Hierbei kam den Themen Medikation, Zusammenarbeit mit den Schulen und Umgang mit totaler Überforderung aufseiten der Familien und Schulen das grösste Interesse zu. René Kindli gab im Anschluss einen Überblick über die Medikationsmöglichkeiten für Menschen mit ADHS – von Methylphenidat (MPH) über (Lis-)Dexamfetamin bis hin zu Guanfacin. Begleitmedikationen für Co- Morbiditäten wie Schlaflosigkeit, Depressionen, emotionale Instabilität oder auch die Veränderungen der Medikamentensensibilität im Verlauf des weiblichen Zyklus – hier können zyklusabhängige Anpassungen der Medikamentendosierung aufgrund der Angaben der Betroffenen notwendig sein – kamen zur Sprache. Besonders geschätzt wurden die praktischen Tipps zur medikamentösen Einstellung bei den verschiedenen Präparaten sowie Hinweise, was zu beachten ist bei Medikamentenumstellungen und bei der Medikation mit mehreren Präparaten. Übrigens: Bei Leistungssportler:innen zählen Stimulantien als Dopingmittel. Hier sollte man eine entsprechende Bescheinigung ausstellen. Stiftung Swiss Sport Integrity: Ausnahmebewilligung zu therapeutischen Zwecken (ATZ) Quelle: sportintegrity.ch/anti-doping/medizin/ausnahmebewilligung-atz Take-Home-Message ■ So kreativ wie ADHS-Menschen müssen die Therapien sein. ■ Kinder mit ADHS behandeln – das Netzwerk nutzen! ■ Gute Kommunikation ist der Schlüssel zum Erfolg für das Kind. Fotos: Georg Bohn
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