KINDERÄRZTE.SCHWEIZ 1/2026

01 / 2026 BEZIEHUNG – ERZIEHUNG KINDERÄRZTE. SCHWEIZ 39 Intrauterine emotionale Vernachlässigung kann mit einer verminderten Synapsierung des orbitofrontalen Kortex einhergehen und emotionale Lern- und die Vielfalt früher Beziehungserfahrungen einschränken. Dies hat potenziell langfristige Auswirkungen auf Selbstregulation und Beziehungsfähigkeit. Hoffnung und Beziehung Gleichzeitig eröffnen korrigierende Beziehungserfahrungen die Möglichkeit neurobiologischer Reorganisation. Verlässliche, feinfühlige Beziehungen wirken protektiv, stressregulierend und entwicklungsfördernd. Für Prävention, Pädiatrie und Entwicklungsbegleitung ergibt sich daraus eine klare Schlussfolgerung: Beziehung ist kein begleitender Faktor, sondern ein zentraler Wirkmechanismus kindlicher Entwicklung. Beziehung schafft Vertrauen, Beziehungserfahrungen bleiben über die gesamte Lebensspanne wirksam – korrigierend, stärkend und strukturierend – auch jenseits früher Prägungen. ■ Entwicklungsstadien des ungeborenen Kindes vom ersten bis zum neunten Monat der Schwangerschaft. Bild: Shutterstock LITERATUR Chamberlain, David. «Babys don’t feel pain: a century of denial in medicine». International Journal of Prenatal and Perinatal Psychology and Medicine 1999;13:145–169. Chamberlain, David. Woran Babys sich erinnern. Kösel Verlag, München, 2003. Emerson, William. «The vulnerable Prenate». International Journal of Prenatal and Perinatal Psychology and Medicine 1998;10:5–18. Grof, Stanislav. Topographie des Unbewussten. Klett-Cotta, Stuttgart, 1983. Harms, Thomas (Hrsg.). Körperpsychotherapie mit Säuglingen und Eltern. Psychosozial-Verlag, Gießen, 2016. Hildebrandt, Sabine (Hrsg.). Schwangerschaft und Geburt prägen das Leben. Mattes Verlag, Heidelberg, 2015. Janus, Ludwig. Der Seelenraum des Ungeborenen. Patmos Verlag, Düsseldorf, 2001. Janus, Ludwig; Levend, H. «Bindung beginnt vor der Geburt». Mattes Verlag, Heidelberg, 2011. Juhan, Deane. Körperarbeit. Die Soma-Psyche-Verbindung. Droemer Knaur Verlag, München, 1997. Stern, Daniel N. Die Lebenserfahrung des Säuglings. Klett-Cotta, Stuttgart, 1992. Terry, Karlton Vom Schreien zum Schmusen, vom Weinen zur Wonne: Babys verstehen und heilen. Axel Jantsch, Wien, 2014. Winnicott, Donald W. Von der Kinderheilkunde zur Psychoanalyse. Kindler Verlag, München, 1976. Spreyer, John A. «Die Theorien des Frank Lake». Primal Page. http://primal-page.com (abgerufen am 04.02.2026). Plastizität und Epigenetik Demgegenüber steht die ausgeprägte Plastizität des menschlichen Gehirns. Unser Gehirn arbeitet «ökologisch», das heisst, synaptische Verbindungen sind nicht genetisch fixiert, sondern lebenslang durch psychosoziale Erfahrungen modulierbar. Funktionell ist das Gehirn weniger als primäres Denkorgan, sondern vielmehr als soziales Regulationsorgan zu verstehen, dessen Entwicklung auf Beziehung und Interaktion angewiesen ist. Epigenetische Mechanismen vermitteln zwischen Umwelt und Genexpression. Belastende Beziehungserfahrungen können die Stress-Reaktivität der HypothalamusHypophysen-Nebennierenrinden-Achse («HPA- oder HHN-Achse») erhöhen, mit epigenetischen Veränderungen einhergehen und Spuren im Genom hinterlassen, etwa durch veränderte DNA-Methylierung stressrelevanter Gene und eine reduzierte Rezeptordichte im Hippocampus. Diese Veränderungen korrelieren mit erhöhter Stressempfindlichkeit und eingeschränkter Regulationsfähigkeit. «Das also ist meine Welt…» Quelle: Cyril Lüdin

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