BEZIEHUNG – ERZIEHUNG 01 / 2026 KINDERÄRZTE. SCHWEIZ 38 Als Kinder knüpfen wir Beziehungen, auf die wir existenziell angewiesen sind. Die Persönlichkeit des Individuums entwickelt sich im fortlaufenden Austausch zwischen angeborenen, konstitutionellen Merkmalen und den Erfahrungen, die ein Kind im Verlauf seiner Entwicklung innerhalb der Familie sowie im Kontakt mit Gleichaltrigen macht. Veranlagung – also unsere Gene – braucht Beziehung und Erfahrung, damit sich ein Kind optimal entfalten kann. Als menschliche Wesen sind wir zutiefst sozial veranlagt; diese Bindungserfahrungen sind daher von zentraler Bedeutung. Entwicklungsverläufe sind jedoch nicht ausschliesslich durch frühe Erfahrungen determiniert. Forschungsergebnisse zeigen, dass sich durch veränderte Beziehungserfahrungen – insbesondere in der Beziehung zu den Eltern oder anderen wichtigen Bezugspersonen – auch Bindungsmuster eines Kindes wandeln können. Das bedeutet: Es ist nie zu spät, eine positive Wendung im Leben eines Kindes herbeizuführen. Pränatale Erfahrungen Diese grundlegenden Beziehungserfahrungen beginnen jedoch nicht erst nach der Geburt. Aus embryologischen Forschungen sowie aus den Erkenntnissen der prä- und perinatalen Psychologie wissen wir heute, dass bereits das vorgeburtliche Erleben einen erheblichen Einfluss auf die spätere Wahrnehmung vom Selbst und unserer Umwelt nimmt. Schwangerschaft und Geburt werden nicht in einem «seelenlosen» Zustand erlebt, sondern von hochsensiblen Wesen, die auf emotionale und physiologische Reize reagieren. Neurobiologische Auswirkungen Ein zentrales Konzept in diesem Zusammenhang ist der sogenannte «Nabelschnuraffekt» (nach Frank Lake): Der bidirektionale Blutfluss über Plazenta und Nabelschnur wirkt bereits in den ersten Wochen nach der Empfängnis als Grundlage psychischer Prägung. Gefühle von Freude, Angenommen- und Willkommensein, die über die emotionale Haltung der Eltern vermittelt werden, fördern beim Kind die Entwicklung von Selbstwert, basalem Vertrauen und Affektregulation. DR. MED. CYRIL LÜDIN FACHARZT FÜR KINDER- UND JUGENDMEDIZIN, SPRECHSTUNDE FÜR REGULATIONSSTÖRUNGEN, EHRENMITGLIED KIS UND REDAKTIONSKOMMISSION, MUTTENZ Korrespondenzadresse: cyril@luedin.eu eltern-kind-bindung.net Mit dieser Ausgabe starten wir eine neue Rubrik, die zunächst auf vier Beiträge angelegt ist: «Beziehung – Erziehung». Sie widmet sich der Frage, wie tragfähige Beziehungen die Entwicklung von Kindern prägen – von den ersten Lebenstagen bis weit darüber hinaus. Dieser erste Artikel zeigt, wie entscheidend frühe Bindungserfahrungen bereits vor der Geburt sind und welche neurobiologischen Grundlagen Vertrauen, Selbstregulation und Beziehungsfähigkeit fördern. Gleichzeitig macht er Mut: Positive Beziehungserfahrungen können auch später im Leben korrigierend wirken und Entwicklung nachhaltig stärken. Urvertrauen schafft Beziehung Andererseits kann ein unberechenbares, ambivalentes emotionales Umfeld zu einem Gefühl von Missachtung führen, in dem positive Erfahrungen nicht verlässlich verfügbar sind. Dies begünstigt Gefühle von Unsicherheit, Missachtung bis hin zu Verbitterung und Wut, mit nachhaltiger emotionaler Prägung. Pränatale Erfahrungen beeinflussen auf direktem Weg primär subkortikale Hirnregionen, setzen jedoch indirekt auch Grenzen für den Aufbau und die funktionelle Programmierung höherer Hirnareale. Idealerweise wirken Gehirnstamm, limbisches System und der Neokortex harmonisch zusammen und integrieren Instinkte, Emotionen und Kognition. Früh geprägte synaptische Muster wirken dabei richtungsweisend für spätere Regulations- und Verhaltensstrategien. Organogenese, 23 Tage alt, noch vor der Entdeckung. Bild: Science Photo Library 7. Schwangerschaftswoche: Lebender Embryo in der Gebärmutter, 7 Wochen nach der Befruchtung. Bild: Shutterstock
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