KINDERÄRZTE.SCHWEIZ 1/2026

FORTBILDUNG: THEMENHEFTTEIL 01 / 2026 KINDERÄRZTE. SCHWEIZ 34 spielerische Transformationsprozesse beginnen. Das Kind kann sich etwa vorstellen, welches Gefühlswesen gerade im Rampenlicht steht und ob weitere Gefühle dazukommen oder der «Scheinwerfer» auf ein anderes Wesen gerichtet werden soll. Entscheidend ist dabei, dass das Kind wahrnimmt, wie sich seine Körperempfindungen parallel zu den inneren Bildern verändern. Diese Übungen sind für viele Kinder überraschend leicht zugänglich, machen Spass und bringen Humor in den Umgang mit belastenden Emotionen. Zudem stärken sie das Gefühl Selbstwirksamkeit. Anstatt von Gefühlen überwältigt zu werden, lernen Kinder, auf ihnen zu surfen. Positive Gefühle kultivieren – ohne negative zu verdrängen Unser Gehirn schenkt negativen Informationen von Natur aus mehr Aufmerksamkeit als positiven. Dieses Ungleichgewicht kann zu gedrückter Stimmung führen. Um dem entgegenzuwirken, können Kinder angeregt werden, bewusst Ressourcen aus ihrer Umgebung zu nutzen und kleine «Wohlfühlinseln» im Alltag zu schaffen. Schon beim Frühstück kann gemeinsam überlegt werden, worauf sich das Kind im Laufe des Tages freuen könnte: durch raschelndes Herbstlaub laufen, Blumenduft schnuppern, mit Gummistiefeln in Pfützen springen, sorgfältig über frischen, knisternden Schnee spazieren oder Zeit mit Freundinnen und Freunden verbringen. Auch Dankbarkeitsübungen nach Seligman lassen sich vielfältig in den Alltag integrieren.4 Kinder können drei positive Erlebnisse des Tages auf farbige Zettel schreiben und in einem dekorierten Glas sammeln. Bei unsicheren Kindern können täglich drei Dinge festgehalten werden, die ihnen gelungen sind oder die sie sich zugetraut haben. Als Familienritual kann beim Abendessen jede Person etwas Positives über ein anderes Familienmitglied sagen. Diese Übungen lenken den Blick auf nährende Aspekte des Alltags und helfen, angenehme Momente bewusst wahrzunehmen und zu geniessen. Positive Gefühle schenken Energie und Durchhaltevermögen. Studien zeigen, dass Menschen mit mehr positiven Emotionen im Durchschnitt aktiver sind, besser schlafen und stressresistenter reagieren als Menschen mit wenigen positiven Gefühlen.5 Dabei geht es nicht darum, unangenehme Gefühle zu vermeiden. Jedes Gefühl ist wertvoll und informativ. Entscheidend ist, dass Kinder dank erlernter Selbstregulation die Freiheit erleben, mit ihren Gefühlen bewusst umzugehen. So erfahren sie sich als kompetent, gestärkt und selbstwirksam. Die beschriebenen Interventionen zur Förderung von Selbstwert und Selbstwirksamkeit haben zudem wertvolle Nebeneffekte: Sie schärfen die Selbstwahrnehmung und fördern Kreativität und Vorstellungskraft – Fähigkeiten, die Kinder weit über die Arztpraxis hinaus begleiten. ■ Über die Autorin Ina Blanc ist die fachliche Studiengangleitung der Weiterbildungen in Kinder- und Jugendpsychologie an der Universität Basel. Sie leitet u. a. den Certificate of Advanced Studies in Imaginativ-systemischen Interventionen (CAS ISI), der speziell für Kinderärzt:innen und Psycholog:innen angeboten wird. Daneben arbeitet Ina Blanc in eigener Praxis in Basel. Die vorgestellten Interventionen stammen aus dem Tagebuch «Ich bin ein Glückskind» (erhältlich bei Fidea Design), das Ina Blanc für Kinder illustriert und geschrieben hat. Blanc, Ina. Ich bin ein Glückskind. Fidea Design (Design und Vertrieb). www.fideadesign.com (abgerufen am 04.02.2026). QUELLEN 1 Orth, Ulrich; Robins, Richard W.; Widaman, Keith F. «Life-span development of self-esteem and its effects on important life outcomes». Journal of Personality and Social Psychology 2012;102(6):1271–1288. 2 Swann Jr., William B.; Chang-Schneider, Charles; Larsen McClarty, Kelly. «Do people’s self-views matter? Self-concept and self-esteem in everyday life». American Psychologist 2007; 62(2):84–94. 3 Trzesniewski, Kali H.; Donnellan, M. Brent; Robins, Richard W. «Stability of self-esteem across the life span». Journal of Personality and Social Psychology 2003;84(1):205–220. 4 Seligman, Martin E. P.; Steen, Tracy A.; Park, Nansook; Peterson, Christopher. «Positive psychology progress: Empirical validation of interventions». American Psychologist 2005;60:410–421. Zitiert nach: Frank, Rainer. Therapieziel Wohlbefinden. Springer, Heidelberg, 2017. 5 Fredrickson, Barbara L. Love 2.0: Creating Happiness and Health in Moments of Connection. Penguin Books, New York, 2013.

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