KINDERÄRZTE.SCHWEIZ 1/2026

01 / 2026 FORTBILDUNG: THEMENHEFTTEIL KINDERÄRZTE. SCHWEIZ 33 INA BLANC FACHPSYCHOLOGIN FÜR KINDER- UND JUGENDPSYCHOLOGIE FSP AN DER UNIVERSITÄT BASEL UND IN EIGENER PRAXIS, BASEL Korrespondenzadresse: ina.blanc@unibas.ch www.oasisimagination.com Ein gutes Selbstwertgefühl und die Fähigkeit zur Selbstregulation sind entscheidend für das Wohlbefinden und die Entwicklung von Kindern. Mit einfachen, kreativen Ansätzen können Kinder lernen, ihre inneren Stärken zu erkunden und ihre Emotionen selbstbewusst zu steuern. Dieser Artikel zeigt imaginative und praxisnahe Methoden, die Kinderärztinnen und -ärzte im Alltag unterstützen, den Selbstwert und die Selbstwirksamkeit von Kindern zu fördern – spielerisch, farbenfroh und mit viel Raum für individuelle Entfaltung. Kleine Schritte ins Glück Farbenfrohe Feel-good-Ideen zur Stärkung des Selbstwertes und der Selbstwirksamkeit von Kindern im Alltag Selbstregulation als Grundlage von Selbstwirksamkeit Selbstwert und Selbstwirksamkeit sind eng mit der Fähigkeit zur Selbstregulation verknüpft. Wenn Kinder erleben, dass sie bewusst Einfluss auf ihre Emotionen nehmen können, wächst ihr Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit. Voraussetzung dafür ist eine differenzierte Selbstwahrnehmung: Emotionen müssen auf der Ebene des Körpers, der Gedanken und des Verhaltens erkannt werden, bevor sie reguliert werden können. Das Kind mit der Angst vor Spritzen muss daher zunächst seine individuelle Gefühlslandschaft achtsam erkunden, bevor es lernen kann, die Angst zu zähmen. Dieser Prozess lässt sich spielerisch gestalten. Eltern können Kinder beispielsweise auf Auto- oder Zugfahrten zu Gefühlsratespielen anregen. Eine andere Möglichkeit ist das Gestalten eines «Monsterzoos», in dem Gefühle als Fantasiewesen dargestellt werden. Ergänzend können die zugehörigen Körperempfindungen, Gedanken und Assoziationen in einen Körperumriss eingezeichnet werden. Die Übersetzung abstrakter Gefühle in Sinneswahrnehmungen macht sie fassbar – und damit veränderbar. Gerade bei Angst ist diese Formgebung essenziell. Viele Ängste sind für Kinder so überwältigend und bedrohlich, dass sie kaum benennbar erscheinen. Unausgesprochene Ängste wirken oft mächtiger als ein gezeichnetes Gefühlsmonster, denn sie haben keine Konturen und damit keine «angreifbare Oberfläche». Wichtig ist, den gestalterischen Prozess behutsam zu strukturieren: Zunächst werden leichte, unangenehme Gefühle erkundet, erst später nähert man sich den schwierigeren. Bei Kindern mit ausgeprägten Ängsten oder Impulsregulationsproblemen empfiehlt es sich, vor der Gefühlsexploration Selbstberuhigungsstrategien wie ruhiges Atmen oder einen inneren sicheren Ort einzuüben. So kann das Kind jederzeit Kraft schöpfen und sich stabilisieren. Gefühle verwandeln – spielerisch und selbstbestimmt Sind Gefühle dargestellt und vielleicht sogar benannt oder mit einem kleinen Steckbrief versehen, können Selbstwert stärken – innere Ressourcen im Kindesalter kultivieren Ein guter Selbstwert und ein gesundes Selbstvertrauen sind zentrale Voraussetzungen für ein erfüllendes Leben. Studien zeigen, dass Menschen mit höherem Selbstwert häufiger positive Emotionen erleben, ein geringeres Risiko für depressive Erkrankungen haben, ihre sozialen Beziehungen und ihre Arbeit als befriedigender wahrnehmen und insgesamt gesünder sind.1,2 Gleichzeitig wissen wir, dass sich der Selbstwert bereits in der Kindheit entwickelt und über die Lebensspanne relativ stabil bleibt.3 Gerade deshalb ist es von besonderer Bedeutung, Kinder frühzeitig dabei zu unterstützen, ein positives und zugleich dynamisches Selbstbild aufzubauen. Ebenso wichtig ist es, ihnen altersgerechte Strategien zur Selbstregulation zu vermitteln. Ein gesundes Selbstbild bildet die Grundlage aller psychologischen Veränderungsprozesse: Nur wenn ein Kind an sich glaubt, kann es intrinsisch motiviert an sich arbeiten – etwa an der Angst vor Spritzen oder anderen medizinischen Herausforderungen. Der erste Schritt in der Arbeit mit Kindern besteht daher darin, gemeinsam ihre Ressourcen zu entdecken und sichtbar zu machen. Bewährt hat sich hier das Sammeln von Stärken, etwa in Form eines gemalten oder gebastelten «Stärkenblumenstrausses». Die grafische Darstellung hat einen praktischen Vorteil: Das Bild kann im Kinderzimmer oder am Kühlschrank aufgehängt werden und erinnert das Kind täglich an seine Fähigkeiten und positiven Eigenschaften. Die Metapher der Blumen oder Pflanzen hilft Kindern zudem, zu verstehen, dass es grosse und kleine Stärken gibt – und keine «Schwächen», sondern Eigenschaften, die noch wachsen dürfen. Sie vermittelt, dass Fähigkeiten nicht statisch sind, sondern sich durch Ausprobieren und Üben entwickeln lassen. Erwachsene können diese Haltung unterstützen, indem sie Kinder stärker für ihre Anstrengung, Ausdauer und Lernprozesse loben als für das Ergebnis. So wird ein wachstumsorientiertes Selbstbild gefördert. Illustrationen: Ina Blanc

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