KINDERÄRZTE.SCHWEIZ 1/2026

FORTBILDUNG: THEMENHEFTTEIL 01 / 2026 KINDERÄRZTE. SCHWEIZ 28 DR. MED. REGULA ZIEGLER-BÜRGI FACHÄRZTIN FÜR KINDER- UND JUGENDMEDIZIN UND YOGALEHRERIN BDY, ZUMIKON Korrespondenzadresse: regula.ziegler@bluewin.ch www.yoga-zumikon.ch Der Atem begleitet uns vom ersten bis zum letzten Moment unseres Lebens – oft unbemerkt und doch von grundlegender Bedeutung. Bewusste Atmung kann beruhigen, klären und verbinden; sie eröffnet uns einen Zugang zu Körper, Geist und innerer Balance. Dieser Artikel lädt dazu ein, den Atem neu zu entdecken – als einfaches und kraftvolles Werkzeug im Alltag und in der medizinischen Begleitung. Atem Lesen, sondern durch Tun. Mein Zugang ist deshalb bewusst erlebensnah. Gerne gebe ich die simple Anweisung weiter, die aus dem Mund des Dalai Lama stammt: «Atme ein – blase fein aus, ganz aus, wiederhole.» Anfänglich ist es für viele Menschen angenehm, durch die Nase einzuatmen und durch weich geöffnete Lippen auszuatmen. Dazu ist selbstverständlich eine gereinigte Nase unerlässlich. Die feine Art der Lippenbremse verlangsamt das Atemgeschehen. Indem der lange Ausatem etwas gedrosselt durch weiche Lippen fliesst, wird ihm ein tiefer Einatem folgen, der das Lungenvolumen deutlich mehr nutzt als die alltägliche, unbewusste und oberflächliche Atmung. Bewusste Atmung soll sich immer im erweiterten und wohligen Atembereich abspielen. Niemals soll das Gefühl von Luftnot entstehen. Dies erfordert ein genaues Hinschauen: Wann genau ist das wohlige Maximum der Einatmung erreicht und wann ruft die Leere des Ausatems nach der nächsten Fülle? So wird der Geist «an die Zügel genommen». Er konzentriert sich auf den Atemfluss und hat nicht die Kapazität, gleichzeitig noch zahlreiche andere Gedankenstränge zu verfolgen. Nebst einer verbesserten Oxygenierung hat sie den sofortigen Effekt der Beruhigung des Herzschlags, der Gedanken, der Emotionen; insgesamt die Stimulierung des parasympathischen Systems. Die beruhigende Kraft der Atmung kann noch verstärkt werden, wenn wir den Ausatem etwas länger gestalten als den Einatem. Indem wir die Einatmung auf 4 Takte beschleunigen, dann 2 Takte in der Fülle halten und anschliessend die Ausatmung auf 6 Takte verlangsamen. Diese Takte können individuell angepasst werden. Eine Welches ist dein erster Impuls, wenn du dich beim Atmen beobachtest? Gut möglich, dass dein Atem dabei etwas langsamer und tiefer wird – ob er dir bereits vertraut ist oder bisher kaum Beachtung fand? Wie berührt «der Einatem» deine Nasenflügel? Nimmst du wahr, wie er anschliessend kühl am Rachendach vorbei durch die Kehle in die Luftröhre strömt? Wie sich deine Lungenflügel bereitwillig weiten, um den lebendigen Luftstrom aufzunehmen? Ein wundersamer Prozess nimmt seinen Lauf, bei welchem körperwarmer Atem in tausende und abertausende Lungenbläschen einströmt und Sauerstoff in die pulsierende Blutbahn übertritt. Dein Einatem, von dir unbemerkt, wird das sauerstoffreiche Blut aus den luftgefüllten Lungenflügeln zum Herzen drängen, von wo es zu jeder einzelnen Zelle gepumpt wird. Das Zwerchfell wird deine Organe weich nach unten in den sich weitenden Bauch drücken und ihnen damit auch gleich eine sanfte Massage schenken. Lungenflügel blähen sich wohlig und geben den fülligen Impuls an die Wirbelsäule weiter, die sich dadurch leicht aufrichtet. Dann die Umkehr: «der Ausatem», der einen warmen Luftstrom aus deinen beiden Nasenröhren zurück in die Welt rauschen lässt. Ihm gibst du mit, was du loswerden möchtest. Er kann nebst CO2 auch Mentales, Schweres, Belastendes aus dir hinausfliessen lassen. Das Zwerchfell entspannt sich und die Bauchdecke wird aktiv. Leere entsteht, Freiraum für Neues und ein weiches Zurückneigen der Wirbelsäule, der Erde entgegen. Das Feste, Stabile unter dir wahrnehmend, welches dich zuverlässig trägt. Möglicherweise beginnt sich hier erstmals die Frage zu stellen: «Wo genau beginnt das Innen? Und wo genau hört das Aussen auf?» Ein Bild mag entstehen, wie wir alle über den Atem auf eine subtile Weise miteinander verbunden sind. Ein andauernder Austausch zwischen unserem privaten Innersten und der gemeinsamen Aussenwelt. Vielleicht erscheint hier auch das Bild einer Atemwelle – zuverlässig, doch nie ganz gleich, im stetigen Wechsel von Fülle und Loslassen. So webt sich das Lebendige in Form der Atemwelle durch uns hindurch, lehrt uns Fülle zu schöpfen und zu nutzen. Fülle gibt es nur, wenn auch Leere da ist. Damit üben wir mit jedem bewussten Ausatmen das Loslassen, das Übergeben an ein grosses Ganzes, welches uns umhüllt und erfüllt. Die bewusste Atmung ist praktisch und einfach erlernbar. Atemarbeit lernt man wie Wandern – nicht durch Foto: Adobe Stock

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