KINDERÄRZTE.SCHWEIZ 1/2026

FORTBILDUNG: THEMENHEFTTEIL 01 / 2026 KINDERÄRZTE. SCHWEIZ 22 Auch Studien aus den USA belegen, dass Krankenhäuser, die ein einjähriges «Self-Care for Health Care»- Programm anboten, von höherer Mitarbeiterbindung, grösserem Engagement, geringeren Wechselabsichten und einem stärkeren Vertrauen in die Führung berichteten.3 Umgekehrt zeigt sich, dass die Kosten des Nichthandelns («Cost of Inaction») – also das Ausbleiben präventiver Massnahmen gegen chronischen Stress und Burnout – langfristig höher sind als der zeitliche und finanzielle Aufwand, der für präventive Selbstfürsorge notwendig ist. Wie umsetzen? Um Selbstfürsorge in einer Kinderarztpraxis zu etablieren, braucht es eine klare Strategie oder ein bewusst gestaltetes Projekt. Mitarbeitenden lediglich zu sagen: «Macht Selbstfürsorge – ab jetzt», wird kaum Wirkung zeigen. Selbstfürsorge am Arbeitsplatz setzt eine entsprechende Kultur oder zumindest eine gezielte Kulturentwicklung voraus. Ein möglicher Umsetzungsplan umfasst die Schritte Standortbestimmung, Psychoedukation, Umsetzung, Aufrechterhaltung, Evaluation und Anpassung, wobei sich die letzten Schritte zyklisch wiederholen. Standortbestimmung Mitarbeitende befinden sich häufig an sehr unterschiedlichen Punkten auf der Skala der Selbstfürsorge. Bereits beim ersten Element – sich selbst wertschätzend zu begegnen – zeigen sich grosse Unterschiede. Kulturelle und familiäre Prägungen erleichtern es nicht immer, die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen. Aussagen wie «Das macht man nicht» oder «Das gehört sich nicht» können die Entwicklung dieser Fähigkeit hemmen. Daher kann es sinnvoll sein, Mitarbeitenden strukturierte Selbst-Checklisten zur Verfügung zu stellen, etwa die von Reichhart entwickelte Checkliste «Gehe ich selbstfürsorglich mit mir um?».4 Psychoedukation Studien von Dahl und Thiemann zeigen, dass es sinnvoll ist, Zeit in Form von Workshops oder Weiterbildungen in das Thema Selbstfürsorge zu investieren. In solchen Formaten werden Mitarbeitende dabei unterstützt, Selbstfürsorge zu verstehen, zu reflektieren und gezielt zu fördern. Durch theoretische Inputs, Übungen und Reflexionen lernen sie, wie Selbstfürsorge im Alltag konkret gelebt werden kann. Eine achtsame Grundhaltung wird dabei als zentrale Voraussetzung für Selbstfürsorge vermittelt. Umsetzung In der Umsetzungsphase erarbeiten alle Mitarbeitenden – einschliesslich der Leitung – individuelle, konkrete Selbstfürsorgeziele. Dabei sollte es um realistische und einfach umsetzbare Massnahmen gehen. Umfangreiche Meditationsprogramme oder dauerhaft perfekte Kommunikation sind meist unrealistisch. Zielführender sind kleine, spezifische und alltagstaugliche Vorhaben, die unabhängig von anderen umgesetzt werden können. Die Massnahmen sollten klar formuliert und überprüfbar sein. Vage Ziele wie «freundlicher zu mir sein» sind schwer umsetzbar. Stattdessen sollten konkrete Verhaltensweisen, Zeitpunkte und Häufigkeiten festgelegt werden. Auch das jährliche Mitarbeitergespräch bietet eine gute Gelegenheit, Selbstfürsorgeziele zu thematisieren. Eine mögliche Leitfrage lautet: «Was brauchst du, damit es dir bei der Arbeit gut geht und du deine Aufgaben gut erfüllen kannst?» Gegebenenfalls sind kleinere organisatorische Anpassungen notwendig, wobei die praktische Machbarkeit stets berücksichtigt werden sollte. Umgang mit Widerstand Bei der Einführung von Selbstfürsorge ist mit Widerstand zu rechnen. Einerseits ist ein selbstwertschätzender Umgang kulturell nicht selbstverständlich, andererseits sind Verhaltensänderungen grundsätzlich anspruchsvoll. Widerstand kann daher als Informationsquelle verstanden werden: Welche Bedürfnisse oder Befürchtungen kommen hier zum Ausdruck? Das Prinzip des «guten Grundes» – jede Person hat einen nachvollziehbaren Grund für ihr Verhalten – kann helfen, Widerstände konstruktiv zu nutzen. Gleichzeitig bleibt festzuhalten, dass die Kinderarztpraxis ein besonders anspruchsvoller Arbeitsort ist. Der enge Kontakt mit Eltern, hoher Zeitdruck und die emotionale Belastung durch Erkrankungen von Kindern sind erheblich und dürfen nicht bagatellisiert werden. Die Verantwortung für angemessene Organisationsstrukturen, unterstützende Arbeitsbedingungen und Weiterbildungen liegt weiterhin bei der Leitung. Um in der eigenen Praxis etwas zu verändern, ist es hilfreich, zu wissen, wo man in diesem Prozess steht. Was assoziieren Sie mit Selbstfürsorge? Welche Bilder tauchen auf, wenn Sie daran denken, dass sich jemand bei der Arbeit alle zwei Stunden für drei Minuten zurückzieht, um sich zu erholen? Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn eine Mitarbeitende gerne einen warmen Schal trägt oder einen kurzen Mittagsschlaf machen möchte? Werden diese Verhaltensweisen als Zeichen von Stärke oder von Schwäche wahrgenommen? Tauchen Gefühle von Fremdscham oder von Stolz auf?

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