KINDERÄRZTE.SCHWEIZ 1/2026

01 / 2026 FORTBILDUNG: THEMENHEFTTEIL KINDERÄRZTE. SCHWEIZ 21 DR. NOORTJE VRIENDS FSP PSYCHOTHERAPEUTIN, LEITUNG SONDERPÄDAGOGIK BASEL-STADT Korrespondenzadresse: vriends@mail.ch Als Kinderärzt:in sind Sie auf ein gesundes Team angewiesen, das den Arbeitskontext mit seinen hohen und vielfältigen Belastungsfaktoren gut bewältigen kann. Da es in der kinderärztlichen Praxis primär um die Unterstützung von Kindern und ihren Eltern geht, erscheint es zunächst schwer vorstellbar, dass ausgerechnet Selbstfürsorge – die auf den ersten Blick egoistisch klingen mag – letztlich ein Geschenk an andere sein kann. Selbstfürsorge in der Kinderarztpraxis bei der Arbeit vor allem soziale Bedürfnisse hat, etwa ein kurzes Gespräch beim Kaffee, profitiert eine andere besonders von viel Tageslicht oder einem bestimmten Tee während der Arbeit. Selbstfürsorge kann auf unterschiedlichen Ebenen gestärkt werden, etwa auf der psychischen, emotionalen, sozialen, mentalen oder auch spirituellen Ebene. Ziel ist nicht, alle Ebenen gleichermassen zu berücksichtigen, sondern die eigenen Grundbedürfnisse ernst zu nehmen und aktiv dafür zu sorgen, dass diese erfüllt werden. Dabei kann es sinnvoll sein, ein oder zwei individuell passende Formen der Selbstfürsorge bewusst in den (Arbeits-)Alltag zu integrieren. Um Selbstfürsorge zu entwickeln, braucht es die Auseinandersetzung mit eigenen Glaubenssätzen und inneren Ansprüchen, beispielsweise mit Überzeugungen wie «Selbstfürsorge ist egoistisch» oder «Erst die anderen, dann ich». Zudem erfordert Selbstfürsorge eine gewisse Unabhängigkeit von der Meinung anderer, um die eigenen Bedürfnisse und das, was einem guttut, wahrnehmen zu können. Mitarbeitende sollten ihre individuellen Stresswarnzeichen erkennen und in der Lage sein, sowohl ihre Grundbedürfnisse als auch zentrale persönliche Bedürfnisse ernst zu nehmen und zu berücksichtigen. Wirksamkeit von Selbstfürsorge Im deutschsprachigen Raum hat Dahl zwei fundierte Studien mit qualitativem und quantitativem Design zur Selbstfürsorge bei psychosozialen Fachkräften durchgeführt. Die Teilnehmenden nahmen an einem Seminar («Besser leben!») teil, das darauf abzielte, arbeitsbedingten Belastungsfolgen vorzubeugen und die Gesundheit langfristig zu fördern. Nach dem Seminar berichteten die Teilnehmenden über eine veränderte Haltung sich selbst gegenüber: Sie gingen freundlicher und wertschätzender mit sich um, nahmen ihre Bedürfnisse ernster, achteten stärker auf Körpersignale und nahmen bewusster wahr, was ihnen guttut. Zudem engagierten sie sich aktiver für ihr eigenes Wohlbefinden, etwa durch die Reduktion von Arbeitsbelastungen oder den bewussteren Einsatz persönlicher Ressourcen. Die Studien zeigten ausserdem eine Reduktion des subjektiven Stresserlebens sowie der Erschöpfung, wobei diese Effekte langfristig anhielten. Dieser Artikel zeigt, dass Selbstfürsorge genau das Richtige ist, wenn es darum geht, andere gut zu unterstützen und ein gesundes, leistungsfähiges Arbeitsteam zu erhalten. Zunächst wird erläutert, was unter Selbstfürsorge verstanden wird. Anschliessend wird konkret beschrieben, wie Selbstfürsorge auch in einem medizinischen Kontext, in dem der Dienst am Kind an oberster Stelle steht, möglich ist und wirksam umgesetzt werden kann. Was ist Selbstfürsorge? Eine ausführliche Definition von Küchenhoff beschreibt Selbstfürsorge als die Fähigkeit, gut mit sich selbst umzugehen: sich selbst wohlwollend zu begegnen, sich zu schützen, die eigenen Bedürfnisse zu berücksichtigen, Belastungen realistisch einzuschätzen und sensibel auf Überforderung zu reagieren, ohne sich dauerhaft zu überfordern.1 Selbstfürsorge wird zudem als bewusste Handlung verstanden, mit der der eigenen körperlichen, psychischen und sozialen Gesundheit sowie dem eigenen Wohlbefinden angemessene Aufmerksamkeit geschenkt wird. Basierend auf diesen unterschiedlichen Beschreibungen umfasst Selbstfürsorge laut Dahl drei zentrale Elemente:2 ■ sich selbst wertschätzend zu begegnen ■ das eigene Befinden und die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen ■ aktiv einen Beitrag zum eigenen Wohlergehen zu leisten Wörtlich verstanden bedeutet Selbstfürsorge die Sorge um sich selbst. Dazu zählen alltägliche Aktivitäten und grundlegende Bedürfnisse wie Essen, Bewegung, Körperpflege und Schlaf. Was selbstverständlich klingt, stellt für viele Mitarbeitende in der Kinderarztpraxis jedoch bereits eine Herausforderung dar. So wird das Mittagessen häufig am Computer eingenommen, oder es bleibt kaum Zeit für Bewegung an der frischen Luft. Werden grundlegende Bedürfnisse dauerhaft vernachlässigt, steigt das Risiko für Erschöpfung deutlich. Die genannten Elemente verdeutlichen zugleich, dass Selbstfürsorge hochgradig individuell ist. Das eigene Befinden und die eigenen Bedürfnisse unterscheiden sich von Person zu Person. Während die eine Person

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