KINDERÄRZTE.SCHWEIZ 4/2025

FÜR SIE GELESEN 04 / 2025 KINDERÄRZTE. SCHWEIZ 58 DR. MED. RAFFAEL GUGGENHEIM MITGLIED REDAKTIONSKOMMISSION, ZÜRICH Korrespondenzadresse: dokter@bluewin.ch Autor: Oskar Jenni Verlag: Springer Publikationsjahr: 2024 ISBN: 978-3-662-69222-6 240 Seiten Entwicklungsstörungen verstehen Teil 2 des entwicklungpädiatrischen Standardwerks von Oskar Jenni Modell des Entwicklungsprofils auch aus Sicht der individuellen Risiko- und Schutzfaktoren herauszuarbeiten. Unverzichtbar bleibt das von Largo entwickelte Fit-Konzept, welches eben die Passung des Individuums in seiner Umwelt beschreibt und eben diese Passung für alle Kinder in der heutigen Umwelt fordert. Im eigentlichen Hauptteil des Buchs werden dann die einzelnen Entwicklungsstörungen nach Themen herausgearbeitet: neben den allgegenwärtigen Spektrumdiagnosen des ADHS und Autismus sind das die motorische Störung; die Störungen der Sprachentwicklung; die Lern-, Rechtschreibe-, Rechenstörung sowie die globale Entwicklungsstörung. Sie sind anschaulich und leicht verständlich zusammengestellt und auch im Hinblick auf mögliche Therapien zusammengefasst. Ganz gelungen ist die einheitliche und gut lesbare Gestaltung des Werks. Und das Ganze wird abgerundet mit der Darstellung praktischer Fallvignetten, welche dem Buch den gewünschten Realitätsbezug geben. Ich bin begeistert, ein Lehrbuch in der Hand zu haben, welches auch in Bezug auf Pathologie den umfassenden Blick auf die gelingende Entwicklung und Bedeutung der Lebensbejahung und Lebensfreude nicht verliert. Danke lieber Oskar für dieses bedeutsame und einfühlsame Werk, dessen Lektüre ich euch allen, liebe Leserinnen und Leser, ganz herzlich empfehlen kann. ■ Mit dem im Jahr 2021 erschienenen und nun bereits als Standardwerk geltenden Buch «Die kindliche Entwicklung verstehen» gelang es Oskar Jenni, die grosse Bandbreite der normalen Entwicklung eines Kindes aufzuzeigen. Dabei fehlte für das erfahrene Publikum die Vertiefung des tatsächlich «Pathologischen», also der Entwicklungsstörungen. Dies wird nun in diesem kurz und prägnant verfassten Lehrbuch wunderbar ergänzt. Es gelingt dem Autor erneut, in einer einfachen und klaren Sprache das komplexe Thema ansprechend und verständlich darzustellen. Dabei werden die Lesenden mittels grafisch raffiniert eingebetteten Tabellen, Skizzen und Themenblöcken zu fast spielerischem Verstehen von Begriffen und Themen gebracht. Wie Jenni selbst in der Einführung schreibt, ist sein Leitgedanke die Passung des Kindes mit der Umwelt. Also nicht der Fokus auf die Pathologie, sondern auf dem, was wir daraus machen! Dies ist meiner Ansicht nach der wichtigste und in jedem Kapitel fühlbare Grundgedanke im Umgang mit Kindern und ihren Schwierigkeiten: die humanistisch-unterstützende Haltung der Ärztin oder des Arztes. Das Buch beginnt daher zunächst mit der Klärung des Begriffs «Störung»: Eine Entwicklungsverzögerung ist keineswegs bereits eine Störung und ist auch nicht zwingend therapiebedürftig. Jenni weist auf die Bedeutung des heute vorherrschenden «Diagnosen-Labellings» hin und stellt am Beispiel des «Etikettierung-Ressourcen-Dilemmas» − also dem Zwang, eine Diagnose zu haben, um Anspruch auf therapeutische Ressourcen zu bekommen − prägnant fest: «Der Störungsbegriff … bezieht sich auf eine im Prinzip nicht haltbare Normalitätsdefinition, betont einseitig die Defizite eines Kindes und wird … für den Zweck der Selektion von Kindern eingesetzt.» Eine «Störung» entsteht in vielen Fällen also tatsächlich aus der Art und Weise, wie wir gesellschaftlich Normalität definieren! Im Buch werden daher zunächst die Begriffe Störung, Passung und Spektrum geklärt, um dann vertieft das Bild: Springer

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