KINDERÄRZTE.SCHWEIZ 4/2025

04 / 2025 DAS GUTE KINDERBUCH FÜR DIE PRAXIS KINDERÄRZTE. SCHWEIZ 57 «Nur ein wenig Angst» von Alexander Kielland Krag erzählt die Geschichte von Cornelius, einem fast 18-jährigen Jungen, der langsam und fast unmerklich in eine Angststörung hineingerät. Cornelius ist zu Beginn ein stiller, durchschnittlicher Jugendlicher – unauffällig in der Schule, zu Hause angepasst, mit einem sensiblen Blick auf seine Umwelt. Doch allmählich wächst in ihm eine undefinierbare Angst, die er nicht einordnen kann. Was harmlos mit Schlafproblemen, Nervosität und Bauchweh beginnt, entwickelt sich zu einer massiven inneren Bedrohung, die Cornelius Alltag zunehmend bestimmt. Alexander Kielland Krag beschreibt mit sprachlicher Feinfühligkeit und grosser Nähe, wie Cornelius sich mehr und mehr zurückzieht, wie sein Denken sich verdunkelt und wie schwer es ihm fällt, mit seinen Eltern, seinen Freund:innen oder den Lehrkräften darüber zu sprechen. Manche Szenen werden ungewohnt offendirekt, aber nicht pornografisch beschrieben. Das ist der Grund, weshalb die Altersempfehlung bei ab 14 Jahren liegt. Jüngere könnten mit diesen Darstellungen überfordert sein. Für ältere Jugendliche sind sie jedoch nachvollziehbar und eröffnen Diskussionsräume über Sexualität, Konsens, Selbstwert und psychische Belastung. Die Sprachlosigkeit macht den Roman besonders relevant für pädiatrische Fachkräfte, denn Cornelius zeigt typische Symptome, wie sie auch in der kinderärztlichen Praxis häufig auftreten: körperliche Beschwerden ohne organischen Befund, Leistungseinbruch, sozialer Rückzug. DR. MED. MATTHIAS FERRETTI MITGLIED REDAKTIONSKOMMISSION, WINTERTHUR Korrespondenzadresse: m.ferretti@hin.ch Verlag: Arctis ein Imprint der Atrium Verlag AG Publikationsjahr: 2023 ISBN: 978-3-03880-083-5 Anzahl Seiten: 224 Seiten Altersempfehlung: ab 14 Jahren Nur ein wenig Angst Alexander Kielland Krag Das Buch erinnert daran, wie wichtig es ist, psychische Belastungen bei Jugendlichen früh zu erkennen, auch und gerade dann, wenn sie sich nicht offen zeigen. Cornelius Geschichte macht deutlich, wie gross die Kluft zwischen innerem Erleben und äusserem Verhalten sein kann. Das Umfeld – liebevoll, aber oft ratlos – spiegelt dabei realistische Dynamiken wider, die Kinderärzt:innen und Psychotherapeut:innen aus ihrem Berufsalltag kennen. «Nur ein wenig Angst» ist eine stille, aber tief bewegende Lektüre, die Einblick in das Innenleben eines Jugendlichen mit Angststörung gibt. Eine klare Leseempfehlung für Betroffene und alle, die junge Menschen begleiten. ■ Bild: Atrium Verlag AG

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