KINDERÄRZTE.SCHWEIZ 4/2025

04 / 2025 NACHHALTIGKEIT IN DER PÄDIATRIE KINDERÄRZTE. SCHWEIZ 47 Die Bedeutung des Stillens ist weltweit anerkannt, der gesundheitliche Nutzen vielfältig belegt: Stillen reduziert das Risiko für Infektionen im Säuglingsalter, Übergewicht und Diabetes bei Kindern, während Mütter und stillende Elternpersonen unter anderem von einem geringeren Brust- und Eierstockkrebsrisiko profitieren. Doch Stillen ist nicht nur aus medizinischer Sicht bedeutsam, sondern auch in ökologischer Hinsicht: Muttermilch ist ein natürliches, erneuerbares Nahrungsmittel, das keine industrielle Infrastruktur erfordert. Sie ist klimaneutral, sicher, hygienisch und jederzeit verfügbar. Mehrbelastung der Umwelt durch Säuglingsnahrung Zahlreiche Studien belegen, dass die industrielle Herstellung und der Konsum von Säuglingsnahrung deutlich ressourcenintensiver sind als das Stillen. Eine norwegische Analyse1 zeigt, dass die ausschliessliche Ernährung mit Formula über einen Zeitraum von vier Monaten zu erheblich höheren Umweltbelastungen führt – so zum Beispiel zu einem 38 Prozent höheren CO2-Ausstoss und 72 Prozent mehr Versauerung des Bodens – als das Stillen. Darin eingeschlossen sind unter anderem der Energieverbrauch bei der Produktion, die Abholzung für Anbauflächen, die Belastung durch Verpackungsmüll sowie die Anforderungen an hygienische Wasseraufbereitung. In der genannten Studie wurde nur das Stillen direkt an der Brust untersucht – Abpumpen von Muttermilch verbraucht wiederum mehr Ressourcen. Im Gegensatz dazu wird Muttermilch so lokal wie nur möglich produziert und generiert keinen Abfall. In Zeiten, in denen Klimaschutz und schonender Umgang mit Ressourcen zentrale gesellschaftliche Aufgaben sind, ist Greenfeeding – eine möglichst naturbelassene, nachhaltige und gesunde Ernährung – von hoher Relevanz. Stillen fördern: eine gesellschaftliche und politische Verantwortung Die Verantwortung liegt nicht allein bei den Müttern und Stillenden. Um Stillen zu fördern, braucht es unterstützende Rahmenbedingungen. Dazu gehören gut geschulte Fachpersonen, einfach zugängliche Informationen, gesellschaftliche Akzeptanz, stillfreundliche Arbeitsumgebungen und eine gesetzlich vorgesehene Elternzeit, die den Bedürfnissen von Stillender und Kind MARIA FURRER GESCHÄFTSLEITERIN STILLFÖRDERUNG SCHWEIZ, BERN www.stillfoerderung.ch Korrespondenzadresse: contact@stillfoerderung.ch Stillen – ein unterschätzter Beitrag zur Gesundheit und zum Klimaschutz gerecht wird. Hier zeigt sich Nachholbedarf: Vieles davon ist hierzulande nur ansatzweise umgesetzt, so verfügt die Schweiz beispielsweise im Vergleich mit den anderen OECD-Staaten über einen der kürzesten bezahlten Mutterschaftsurlaube. Das erschwert die Umsetzung der von Fachpersonen empfohlenen Stilldauer, selbst wenn die Intention da wäre. Gezielte Marketingstrategien der Nahrungsmittelindustrie, die Säuglingsnahrung als modern und förderlich für die Unabhängigkeit der Frau darstellen, untergraben Stillen und Greenfeeding ebenfalls. Und dies nicht nur hierzulande: Insbesondere in Schwellenländern und im Globalen Süden mit wenig gesetzlichen Werbeeinschränkungen werden Mittel- und Oberschicht dezidiert angesprochen. Auch mit Formula aus Schweizer Kuhmilch wird dort geworben. Greenfeeding in der kinderärztlichen Praxis In der Kinderarztpraxis können die gesundheitlichen und ökologischen Vorteile von Greenfeeding in die Beratung einbezogen werden. So darf zu gesunder, lokal produzierter Ernährung und zum Stillen ermutigt werden. Bei Stillproblemen kann Hilfestellung geleistet und Triage zur Stillberatung angeboten werden. Dies selbstverständlich ohne Druck aufzubauen und unter Berücksichtigung der körperlichen Selbstbestimmung der Stillenden. Wichtig ist es, auch jene Mütter, die nicht stillen können oder sich dagegen entscheiden, zu unterstützen – etwa durch Informationen zu sicherer Säuglingsernährung und begleitende Beratung. Eine konsequente Förderung von gesunder, nachhaltiger Ernährung nützt nicht nur den einzelnen Familien, sondern auch der Gesellschaft und der Umwelt. Fazit Stillen ist die nachhaltigste Form der Säuglingsernährung – gesund, ressourcenschonend und klimaneutral. Eine Gesellschaft, die Nachhaltigkeit lebt, setzt sich folglich auch mit Überzeugung für das Stillen ein. Jeder Monat, den ein Kind gestillt wird, bedeutet weniger Verpackungsmüll, geringeren Energieverbrauch, eine Reduktion von Treibhausgasemissionen und leistet einen wesentlichen Beitrag zu Gesundheit und Klimaschutz. Angesichts der aktuellen Herausforderungen im Gesundheitswesen und in der Klimapolitik können Pädiater:innen Greenfeeding noch stärker als Schlüsselthema der Prävention und Gesundheitsförderung verankern. ■ Illustration: Stillförderung Schweiz

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